„Ach, du warst also auch in Australien…?“

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Mittlerweile versuche ich fast wie von selbst, dieses Gesprächsthema zu vermeiden. Die drei Monate, die wohl mit Abstand einige der intensivsten, aufregendsten und vielleicht auch lehrreichsten meines Lebens waren. Denn die Kommentare sind tatsächlich immer die gleichen. Es scheint, als wäre jeder schon dort gewesen, als gehöre das jetzt zum guten Ton der ab-18-Jährigen, Sydney, Brisbane und das Outback gesehen zu haben. Achso, du auch? Fragen sie. Auf diese bestimmte Art und Weise, die sagt: Ach, du bist doch nur eine von denen. Von denen, die alle dahinfliegen, weil sie jedem Trend hinterherlaufen. So leicht zu durchschauen, so gar nicht individuell. Wahrscheinlich hast du auch keine eigenen Meinungen. Ist doch so, oder?

Ja, mich nervt das. Mich nervt, dass so oft, so schnell und ohne darüber nachzudenken, Menschen und Ereignisse auf einen bestimmten Gedanken reduziert werden. Mich nervt es, dass eine einzige Erzählung dazu führt, in eine Schublade gesteckt zu werden. Immer wieder, erwartungsgemäß.

Ich habe zwei Monate in dem Camper gelebt, ohne irgendwelchen Luxus oder Glamour, sondern teilweise im Dreck, im regennassen Bett geschlafen, gefroren und mich oft nach einem warmen Zuhause gesehnt. Aber ich habe auch einige der wohl schönsten Strände dieser Welt gesehen, durfte an einem von ihnen das Surfen ausprobieren und Leute kennenlernen, die nichts mit den überfüllten Hostels und Touristenzentren zu tun hatten. Ich erzähle auch jedem, der es hören möchte, dass mich Neuseeland trotz allem viel mehr gepackt hat als Australien. Es war vielleicht nicht „der Urlaub meines Lebens“, aber es war eine unglaublich große, wichtige Reise für mich, über die ich so unglaublich froh bin. Denn: Nein, ich bin nicht von Hostel zu Hostel gefahren, war jeden Abend Party machen mit anderen deutschen Reisenden, nur um zu sagen, dass ich schon mal in Australien war. Ich hab mir auch nicht die Australienkarte auftattowiert, um sie als Symbol ans andere Ende der Welt zu tragen und dort meinen Alltag weiterzuleben, als wär nichts gewesen. Aber ganz ehrlich, selbst wenn ich das getan hätte: Was gibt anderen das Recht, mir dafür ein Label aufzudrücken?

Ich verstehe ja sogar, dass es in Zeiten der medialen Selbstinszenierung extrem nerven kann, den gefühlt hundertmillionsten Post mit einem Känguru zu sehen. Ich hab mich selbst ja auch schon dabei erwischt, bei einem dieser Bilder, die täglich im eigenen Feed aufzploppen zu scheinen, die Augen zu verdrehen. Ich kann sogar über die „Lisa, 19, war gerade in Australien“-Witze lachen. Ganz anders ist es doch, wenn ich im persönlichen Gespräch mit jemandem bin. Oder überhaupt dann, wenn das Ganze einfach nicht mehr als Witz, sondern als Teil des Lebens gesehen wird.

Ja, Australien war für mich ein Impulsziel. Weil es so weit weg ist, weil ich es nur aus dem Internet und aus dem Englischbuch der 9. Klasse kannte. Weil ich hier ein Leihauto fahren durfte, obwohl ich erst 18 war. Ich wollte nach dem Abi einfach weg – und das andere Ende der Welt erschien dafür ganz passend. Also sind wir aufgebrochen, ohne groß nachzudenken, ohne uns zu überlegen, ob wir auf viele andere deutsche Touristen treffen – und vor allem, ohne zu überlegen, ob das hier zu Hause besonders gut ankommen würde. Es war uns egal, weil wir weg wollten. Das alles wäre mir auch heute noch egal  – würde ich nicht immer noch laufend damit konfrontiert werden.

Ich kann das „Ach, du warst also auch in Australien?“ mit diesem ganz besonderen Unterton, nicht mehr hören. Denn wenn du mehr wissen wollen würdest, länger zuhören würdest als es ein kurzer Smalltalk erlauben würde, könntest du mehr über mein Australien, meine Reise und mich erfahren. Aber das willst du nicht, weil du lieber das Oberflächliche hörst, daraus schließt und damit zufrieden bist. Und hey, soll ich dir mal etwas sagen? Das ist wohl eine der Sachen, die mir ausgerechnet Australien beigebracht hat: Dass hinter so vielen Menschen, Orten und Ereignissen viel mehr steckt als der erste Eindruck, so viele Geschichten, die wir nicht auf den ersten Blick erkennen können. Ich hoffe, du kannst das irgendwann mal selbst erfahren und lernst daraus.

8 Comments

  1. Christian says:

    wie, du warst echt da ? .. wow .. ! sauer ? nun, als ( sich ) selbst – bewusstes Wesen wirst du damit leben müssen, eine willkommene Projektionsfläche für die Ängste und Feigheiten der Bewohner des Koordinatensystems zu sein. Es ist der in Deutschland ohnehin maximal ausgeprägte Defätismus, gepaart mit der Obrigkeitshörigkeit, dem Etatismus, der solch niederfrequente Mindsets begünstigt. Du hast dir daher eine durchaus anspruchsvolle Arbeit ausgesucht :-) so oder so

    Was meinst du was erst los ist, wenn s ans Umziehen auf diesem Planeten geht, es dauert nicht lange und du bist alleine, man merkt es nicht gleich aber hinter den Kulissen bist du aus dem Spiel, am Besten scheitern und kleinlaut zurückkehren, dann haben sie recht behalten und können beruhigt weiter ihren Ängsten frönen, .. eine Energie, die mich in grenzwertige Zustände bringen kann, deswegen muss ich schmunzeln, wenn ich deinen Wutartikel lese

    Keep calm, tranquilo .. das schönste Wohnen ist das Wohnen in sich selbst .. ( ich mag Goethe, er hat immer was :-) ) diese nachhaltigen High – End Erfahrungswerte gibt es nicht auf der Couch sondern nur durch Bewegung.

    1. ANNA says:

      Okay, mit mindestens einem Kommentar in dieser Art hatte ich gerechnet… ;)
      Das hier sollte kein „WuTarzanen“ werden, in dem ich Frust loswerde. In meinem Artikel habe ich ja auch geschrieben, wie viel mir diese Zeit persönlich bedeutet – und das bleibt auch so. Ich finde es nur schade, dass ich persönlich an dieser Stelle gemerkt habe, wie schnell wir in Schubladen stecken und voreingenommen urteilen – und wollte hier zu einer Diskussion anstoßen, die aus meiner Sicht nicht wissenschaftlich sondern ganz persönlich ist.

  2. christian says:

    ja, ich bin doch ganz auf deiner Seite und teile deine Erfahrung, ich wollte nur andeuten, das kann noch schlimmer kommen, was jedoch zu guter Stärke führt, solltest du die Challenge annehmen .. ist ja Sinn der Sache letztlich .. ;-)

    1. ANNA says:

      Da geb ich dir recht – und das mach ich gerne! :)
      Viele Grüße an dich,
      Anna

  3. Andreas says:

    Mich nervt (so ein ganz klein wenig), dass ich noch nie in Australien war. Hat sich eben nie ergeben und mag auch damit zusammenhängen, dass ich längere Flugzeiten unerträglich finde. Manche können da bestens schlafen – beneidenswert, aber ein anderes Thema.

    Ist auf jeden Fall super, dass Du in jungen Jahren diese intensive Reise nach Australien erleben durftest. Als ich in deinem Alter war, sind wir mit Käfer, Bulli oder alternativ mit dem Zug per Interrail quer durch Europa gereist. Das waren unsere Abenteuer. Aber die Zeiten haben sich geändert. Mittlerweile werden Praktika nicht mehr in der nächstgrößeren Stadt absolviert, unter New York macht es keiner mehr, was auch für Gaststudiengänge gilt. Genau dasselbe spielt sich im Reisesektor ab: Alles muss schneller höher weiter sein. Inklusive Gegentrend.

    Einzig in deinem zweiten, dem Schubladenabsatz macht Du dasselbe, was Du anderen vorwirfst: Du steckst sie in eine Schublade. Darf ich Dir aus Alterserfahrung (ich bin 54) den Tipp geben, die Sache etwas gelassener anzugehen? Dazu habe ich neulich ein passendes Zitat gelesen: „Ein guter Urlaub ist keine Pause vom Leben. Sondern eine Einstellung zum Leben.“ Stammt von dem Reisejournalist Alexander Gorkow. Kurz gesagt: Genieß alles, was Du erlebst aus vollem Herzen.

    1. ANNA says:

      Hi Andreas, danke für deinen Kommentar! Interrail hab ich auch gemacht – und das war genauso eine tolle Erfahrung :)
      Das alles ändert ja auch gar nichts daran, dass ich meine Urlaube jetzt weniger genieße. Ist nur schade, dass (aus meiner ganz persönlichen Erfahrung) oft selbst bei so einem Thema vorschnell geurteilt wird.

  4. Krissi says:

    Du hast absolut Recht! Es ist unfassbar nervig und total bescheuert, wenn Menschen andere für etwas verurteilen, von dem sie eigentlich gar keine Ahnung haben, keine Details kennen, nichts. Ich bin momentan mit einer guten Freundin in Neuseeland und in 16 Tagen geht‘s nach – Überraschung! – Australien. Wir freuen uns schon total darauf und es ist uns auch sowas von egal, was andere darüber denken. Wenn jemand genervt von unseren Travelposts ist, kann er sie ja einfach ignorieren oder uns meinetwegen entfolgen/blockieren. Gottseidank wird ja niemand dazu gezwungen, sich bestimmte Posts auf Insta anzuschauen oder bestimmten Accounts zu folgen :))

    Wir haben dieses Jahr Abi gemacht und genau wie ihr damals und auch so viele andere in unserem Alter, wollten wir danach weg, reisen, Neues entdecken und erleben und haben uns für „das andere Ende der Welt“ entschieden. Klar, das tun sehr sehr viele – tausende – Jugendliche und junge Erwachsene jedes Jahr. Es mag vielleicht mittlerweile „Mainstream“ sein, hier herzukommen, aber das heißt noch lange nicht, dass wir nicht alle komplett unterschiedliche Stories zu erzählen haben. Denn wir alle erleben unterschiedliche Dinge, selbst wenn wir die selben Städte/Orte besuchen: Jeder von uns macht individuelle Erfahrungen, trifft und lernt andere Menschen kennen und hat dadurch seine ganz eigenen Geschichten zu erzählen. Das Ziel mag noch so Standard und Mainstream sein: Der Weg dorthin und die Erlebnisse am Zielort sind bei allen komplett unterschiedlich und alles andere als Standard und Mainstream.

    Leute, die nicht selbst auf Reisen waren und keine Ahnung davon haben, sollten sich lieber mal zurückhalten und ihren Mund nicht zu weit aufreißen. Denn wenn sie selbst herumgereist wären, ob in Ozeanien oder anderswo, wüssten sie, dass Vorurteile und Stereotypen einfach nur dumm sind und Menschen einem oft genug das Gegenteil beweisen können, wenn man ihnen eine Chance gibt, sich mit ihnen beschäftigt, unterhält und ihre Geschichten hört.

    Btw: Weil man dorthin gereist ist, wo „jeder“ hinreist, hat man keine eigene Meinung, kein Selbstbewusstsein und nickt alles ab, was andere sagen? Wer kommt bitte auf so einen Schwachsinn? Sag mir bitte nicht, dass du sowas in der Art schonmal gesagt bekommen hast!?

    Ganz liebe Grüße von „einer weiteren meinungslosen Mainstream-Backpackerin“
    (Krissi von the marquise diamond)
    http://www.themarquisediamond.de/

    1. ANNA says:

      So direkt, wie du es formuliert hast, hat es zum Glück noch niemand gesagt :D Aber Kommentare, Sticheleien oder auch einfach nur ein gewisser Unterton reichen hier meiner Meinung nach schon aus. Doch es ist wie du sagst: Die individuellen Erfahrungen machen jede Reise zu etwas besonderem. Und das ist das Wichtigste :)

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