#aufschrei, #metoo – und jetzt? Was wir alle aus der aktuellen Sexismus-Debatte lernen könnten

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Nach der Affäre um den Politiker Rainer Brüderle begann unter dem Hashtag #aufschrei eine der ersten wirklich großen Sexismus-Debatten in Deutschland. Heute, circa vier Jahre später, schwappt die nächste große Welle durch die Medien: Hollywood scheint einen Vorfall nach dem anderen an das Licht der Öffentlichkeit zu bringen und auch im britischen Parlament sorgen schwere Sexismus-Vorwürfe für Aufruhr. Das Ausmaß der #metoo-Bewegung scheint sich nicht mehr überblicken zu lassen, etliche Frauen schließen sich an.

Mindestens jetzt sollte klar sein, dass Sexismus keine Ausnahme, keine Seltenheit ist, die manchen Leuten, meist Frauen, wohl irgendwann einmal passiert sein könnte. Wir wissen, dass es ständig passiert, oft, viel zu oft. Wir wissen, dass es sowohl am Arbeitsplatz, in der Uni oder nachts im Club passiert – egal wann, egal wo. Wir wissen, dass es Sexismus gibt, wir kennen die Stimmen der Opfer, wir kennen die vielen furchtbaren Details.

Wir wissen es, aber es scheint nichts zu ändern. Die Gedanken: Wahnsinn, was sich da hinter den Kulissen von Hollywood abgespielt hat. Ein voyeuristischer Einblick in die Welt des Glamours, in der allem Anschein nach mit Regeln gespielt wird, die hinter geschlossenen Türen verborgen bleiben. Aus Scham, aus Angst um die Karriere oder dem Bloßgestelltwerden. Es wird genickt, der Schock ist groß, die Twitter-Welle schreitet voran. Letzteres ist gut so, denn eine offene Debatte ist mit Sicherheit das Beste, das hier passieren konnte. Aber es ist eben nicht genug, wenn es dann nach einigen Tagen wieder aus dem Mittelpunkt der Medien, der Gespräche, der Aufmerksamkeit verschwindet. Es gibt viel, was wir aus dieser Debatte lernen können, wenn wir wollen. Wir alle, Männer und Frauen.

Zunächst wäre da nämlich die Grundlage dieser Debatte: und zwar eine gemeinsame. Ja, statistisch gesehen werden Frauen häufiger Opfer von Sexismus. Aber generell ist Sexismus vor allem eines: ein Ausspielen der eigenen Machtposition, auf eine willentlich erniedrigende Art und Weise. Sie betrifft Männer und Frauen. Beide als mögliche Opfer, aber beide auch als mögliche Täter. Was hier besonders falsch ist: Stereotypen und Rollenbilderdogmatismus. Die schwache Frau im kurzen Rock und der arme, triebgesteuerte weiße Mann sind ganz sicher nicht die Hauptakteure dieses Dramas.

Was hier besonders falsch ist: Stereotypen und Rollenbilderdogmatismus. Die schwache Frau im kurzen Rock und der arme, triebgesteuerte weiße Mann sind ganz sicher nicht die Hauptakteure dieses Dramas.

Denn: Es ist nicht der kurze Rock, den du heute angezogen hast. Oder der Lippenstift, der deinen Mund so schön betont. Oder dein Ausschnitt, der einem ja förmlich ins Gesicht springen muss. Sätze wie „Das war ja zu erwarten – mit diesem kurzen Rock“, sind nicht nur eine unvorstellbar verletzende und abartige Herabwürdigung der Sexismus-Opfer oder derer sexueller Gewalt – sie sind auch eine Herabwürdigung der Männer unserer Gesellschaft. Denn, hey: Männer sind genau wie wir Frauen in der Lage, soziale Signale zu verstehen. Männer sind keine triebgesteuerten Wilden, die nicht willentlich steuern könnten, wohin sie ihre Hände legen oder was sie zu uns Frauen sagen. Dem „starken“ Geschlecht sind die Kontrolle der eigenen Sinne und des eigenen Handels durchaus zuzutrauen. Fair ist nur, Handlungen nach ihrem Inhalt zu bewerten. Nach ihren einzelnen, individuellen Akteuren. Nicht nach gesellschaftlichen Rollenbildern.

Der Kampf gegen Sexismus kann nur gemeinsam gewonnen werden. Indem Männer und Frauen zusammenhalten, wenn es um Erniedrigung, sexuelle Gewalt oder um Kommentare weit unter der Gürtellinie geht. Wenn wir nicht beschämt wegsehen, schweigen oder gar die Augen verdrehen. Sexismus ist Realität. Wir dürfen nicht aufhören, darüber zu reden. Immer wieder, bei jeder Situation. Kein Opfer ist Schuld an Sexismus. Schuld ist eine Gesellschaft, die wegschaut und zulässt, dass sich Opfer schämen müssen – und nicht die Täter.

 

Foto: Julia Bischoff

1 Comments

  1. Julia says:

    Liebe Anna
    Du schreibst so schöne Texte und ich möchte dir gerne danken, dass du deine Stimme auch für solch wichtige Themen wie Missbrauch, Sexismus und Gewalt nutzt! Der Beitrag ist wirklich sehr gut geworden und ich hoffe, dass wir so gemeinsam etwas erreichen können, um dem Sexismus und diesen Zuständen endlich ein Ende zu bereiten!
    Liebe Grüsse :-)

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