Australien, das Gute-Laune-Paradies? Die grausame Seite hinter der Fassade

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Vielleicht erinnert ihr euch noch, als ich vor mehr als einem Jahr schrieb: „Australia, I’m in love.“ Es war an einem der ersten Tage, an dem mich Australien mit seiner Atmosphäre, seinen Stränden und seinen Menschen so beeindruckte. Nach zwei Monaten hatten wir noch lange nicht alles gesehen, wir waren nicht mit Horden von Backpackern von Hostel zu Hostel gezogen, sondern in unserem Camper entspannt von Ort zu Ort gefahren. Wir haben tolle Leute kennenlernen dürfen, die uns ihre Heimat zeigten und uns für ein paar Tage bei ihnen aufnahmen. Wir sahen die Sonne über dem Meer aufgehen und fuhren abends mit Salzwasser-Haaren und dem Gefühl der Müdigkeit nach einem langen Sonnentag zurück. Wir waren so sorglos wie nie zuvor, so ungebunden und frei, in dem was wir taten. Der Camper, wir und dieses Land, das Sonne und Freiheit versprach – die wir erleben durften.

Genau das ist die Seite des Landes, die wir aus Erzählungen kennen, die uns reizt, die uns vom anderen Ende der Welt träumen lässt. Von den Orten, an denen braun gebrannte Surfer auf weißen Sandstränden ihr Leben genießen. Doch gar nicht weit vor der endlos langen, wunderschönen Küste bietet sich eine ganz andere Seite Australiens: Auf drei Insel, isoliert vom Festland und abseits der australischen Zivilisation, leben Menschen, die vor Krieg und Terror geflohen sind.

Australien setzt in seiner Flüchtlingspolitik auf Abschreckung und Abschottung.

Viele von ihnen flüchteten über Indonesien, in unsicheren Booten, von Schleppern verleitet. Die australische Regierung möchte das nicht unterstützen: Schlepperbanden, die Menschen ausbeuten und sich an ihrem Leid bereichern. Das ist nachvollziehbar, denn das wollen wohl die Wenigsten – kriminelle Schlepper zu unterstützen. Als ich die „Lösung“ Australiens erfuhr, war ich jedoch geschockt. Denn sie entspricht nicht im Entferntesten dem, was meine Vorstellungen von Moral, Humanität und Menschenrechten enthalten.

Australien setzt in seiner Flüchtlingspolitik auf Abschreckung. Auf Abschottung. Auf Abschottung in Camps, weit entfernt von australischem Leben: Möglichst viele der Boote werden sofort zurückgeschickt, sobald sie sich der australischen Küste nähern. Wohin? Wer weiß das schon. Der Rest wird auf den Inseln untergebracht, in Camps, die von hohen, doppelt gezogenen Zäunen umgeben sind. Hier kommt niemand raus – außer, er tritt die Reise nach Hause an. Ein Zuhause, vor dem er auf einem lebensgefährlichen Weg geflohen ist.

Dabei immer vor der Nase: Der kristallklare Ozean, die weiten Strände. Aber vor allem: Die brütende Hitze über den Köpfen, die stickige, erdrückende Luft, von der ich aus Erfahrung berichten kann. Die Umstände, in denen ich sie erlebte und in der ich tatsächlich über sie jammerte – niemals könnte man sie nur ansatzweise mit dem vergleichen, was diese Menschen mit ihr erleben. Die gleiche Sonne, das gleiche Land, und doch liegen Welten dazwischen.

Die Umstände in den Camps treiben Menschen in die schlimmsten Abgründe, nehmen ihnen den Rest an Hoffnung, der ihnen nach ihrer Flucht geblieben ist. Medien erhalten auf den Inseln keinen Zutritt, es gibt jedoch Berichte von Beobachtern, die sich einen Überblick über die Situation vor Ort machen konnten. Diese berichten von Szenarien, deren Vorstellung allein schon unerträglich scheint: Ein Kinderarzt erzählt im Interview mit dem ZDF von einem kleinen Mädchen, das versucht hatte, sich auf einem Zaunpfahl aufzuhängen. Von einem Mann, der sich den Mund zunähte, um in den Hungerstreik zu treten. Frauen seien von den „Aufpassern“ in den Camps so verängstigt, dass sie sich nachts nicht mehr auf die Toilette trauten. UN-Berichterstatter sagen: Australien verletze die Menschenrechte.

Es tut mir leid, aber: Australien, du hast mich unglaublich enttäuscht.

Mir ist bewusst, dass die Aufnahme von Flüchtlingen in großer Zahl für jede Regierung dieser Welt eine starke Herausforderung darstellt. Ich erlaube mir selbst auch nicht zu sagen, welcher Weg hierfür am besten geeignet sei, welche Programme die stärkste Wirkung haben, mit welcher Politik allen Menschen am besten geholfen werden kann – dafür ist mein Wissen nicht umfassend genug und ich bezweifle, dass es viele Menschen gibt, die hier eine genaue Lösung kennen können. Eine Lösung, die allen Menschen hilft, die jedem nur Gutes bringt, die gibt es in solchen Fragen nicht. Aber wie soll es diese auch geben, wenn die Ursachen dafür bei Leid, Krieg und Verfolgung liegen?

Ich denke, das Gelingen von Lösungen in Flüchtlingsfragen ist von der Bevölkerung des Einwanderungslandes, aber natürlich auch von den Einwanderern selbst abhängig. Davon, wie Integrationspolitik gelingt oder ob sie überhaupt betrieben wird. Doch all das ist plötzlich zweitrangig, wenn wir überlegen: Trotz all dieser Schwierigkeiten, darf der Sinn für die Würde eines Menschen niemals vergessen und derart mit Füßen getreten werden. Kein Mensch darf zur Abschreckung anderer instrumentalisiert werden, niemand dafür Leid ertragen müssen.

Aber ich habe wohl begriffen: Die Angst derer, die bereits im Paradies sitzen ist so viel mächtiger als die derjenigen, die die Hölle durchleben.

Es tut mir leid, aber: Australien, du hast mich unglaublich enttäuscht. Vor allem, da es besonders deine Bewohner waren, die ich so sehr schätzen gelernt habe, kann ich nicht verstehen, wie die Regierung dieses liberalen Staates solche Methoden durchführen kann. Wo sind die Proteste, die Demonstrationen? Sie sind zu klein, zu schwach, zu wenige. Eine Sache, die habe ich dadurch begriffen: Die Angst derer, die bereits im Paradies sitzen ist so viel mächtiger als die derjenigen, die die Hölle durchleben.

Die Informationen, auf die sich dieser Text und meine Meinung beziehen, stammen zum Großteil aus diesem Ausschnitt einer Dokumentation des ZDF, diesem (meiner Meinung nach gut recherchierten) Artikel von welt.de sowie diversen Berichten von Spiegel-Online, der ZEIT und dem ARD.

Bild: Annie Spratt via stocksnap

2 Comments

  1. Christina says:

    Liebe Anna, danke für diesen differenzierten Bericht! Auch ich reise schon seit fast einem Jahr durch Australien. Hier und da hat man mal von diesen Inseln gehört, viel mehr Infos hat man dazu aber nie bekommen. Obwohl auch ich so viele liebe Menschen hier kennen gelernt habe, sind mir doch leider viele rassistische Züge aufgefallen. Auch wenn es nur ein kurzer Kommentar oder Nebensatz war. Wie unnötig, wenn man bedenkt wie viel Wohlstand es in diesem Land gibt und auch wie viel Platz! Ich werde mich jetzt mal ein wenig in deine Quellen vertiefen!

    LG Christina

    1. ANNA says:

      Liebe Christina, es ist sehr interessant von dir zu hören, dass über die australischen Medien anscheinend auch nicht wirklich ausführlich darüber berichtet wird.
      Ich stimme dir vollkommen zu! Gerade, weil Australien doch ein Land von Einwanderern und unterschiedlichsten Kulturen ist, kann ich diese Politik nicht begreifen…
      Danke für deinen Kommentar :)

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