Bulimie-Lernen

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“Bulimie-Lernen”: Ich hoffe, ihr verzeiht mir die Verwendung dieses Begriffs, der mit Sicherheit nicht politisch korrekt ist – aber das Phänomen leider so gut wie kein anderer beschreibt. Alle Studierenden kenne es, egal welches Fach, egal welches Semester. Das schnelle Reinpressen von Fakten, Zahlen und Daten, nur um die nächste Klausur zu bestehen, um in das nächste Semester zu kommen. Stupides Auswendiglernen, ohne Hinterfragen.

Doch genau das widerspricht dem ganzen System einer Universität, von dem uns Professoren und Dozenten ab dem ersten Semester vorschwärmen: das Lesen von Büchern, Studieren von Texten, Begreifen von Zusammenhängen und eigenem Nachdenken, Reproduzieren, Entdecken. Vielleicht hat man sogar das Bild des weisen Aristoteles vor Augen, der in seiner Stola und mit einem Buch in der Hand mit seinen Studenten diskutierend durch die Gänge seiner Philosophenschule zog. Es ist die Freude am Wissen, an neuen Erkenntnissen und eigenen Gedankengängen, die das Leben an einer Universität ausmacht – oder zumindest ausmachen sollte.

Die Realität sieht nämlich meist ganz anders aus und erinnert stark an den Schulunterricht, in dem alles einer genauen Ordnung und dem Zeitplan der Lehrer folgen musste. Kein Platz für individuelle Ideen und Gedanken, sondern ein Unterricht, der auf schnelles Auswendiglernen abzielt. Das war nicht in jedem Fach so und auch das Auswendiglernen hatte einen Zweck, schafft es doch die Grundlage für ein breites Allgemeinwissen. Viel wichtiger wäre aber schon damals gewesen, zu lernen, wie man wirklich lernt und zu zeigen, wo und wie man die Informationen bekommt, die im späteren Leben wichtig sind. Von der Universität hatte ich – und ich denke, so geht es den meisten – ganz andere Erwartungen. Erwartungen an wissenschaftlichem Austausch, freiem Denken und einer Ausbildung, die dazu bringt, eigenständig zu denken und selbst Neues zu entwickeln. Doch genau das scheint immer weniger der Fall zu sein.

Denn: Wie kann es überhaupt sein, dass nicht wenige Studenten ihre Klausuren dadurch bestehen, dass sie während der Prüfung die Antworten auf dem Handy googeln? Wie kann es sein, dass nur Fakten gefragt werden, die wir mittlerweile mit einem Mausklick finden? Sollte es nicht viel mehr darum gehen, Wissen anwenden zu können, selbst neue Gedankengänge zu fassen und für diese bewertet zu werden?

Für mich ist es einfach eine riesige Enttäuschung, dass dieses so hoch gelobte und so stark respektierte System der Universität sich selbst zu zerstören scheint.

Ich schreibe diese Woche meine letzte Klausur in diesem Semester, in einem Fach, deren Vorlesung mir wirklich gefallen hat. Es ging um eine ganze Bandbreite an Themen, von Medienökonomie über die Entwicklung des Journalismus bis hin zu Medienpolitik und Medienregulierung. Anstatt jedoch das Verstehen und Interesse abzufragen, finde ich in Altklausuren folgende Fragen: In welchem Jahrhundert wurde der Buchdruck erfunden? Wer war der Erfinder des Internets? Und im Rundfunkurteil welchen Jahres wurde eigentlich die Programmneutralität bei Gebührenfestsetzung beschlossen? All das sind kleine Anmerkungen, die ich auf irgendeiner Folie finde, die uns unser Dozent zur Verfügung stellt. Und genau das sagt mir, dass ich alle (circa 500) Folien der Vorlesung bis ins kleinste Detail auswendig können müsste, um diese Klausur wirklich gut zu bestehen. Das wäre mit Sicherheit auch eine beachtliche Leistung, die ich damit vollbringen würde – aber mit dem Prinzip der Universität hat das meiner Meinung nichts mehr zu tun.

Vielleicht kommt meine Wut daher, dass ich gerade vor diesem überdimensional großen Stapel an Blättern und Folien sitze und keine Ahnung habe, wie ich all diese Informationen in meinen Kopf pressen soll. An dieser Stelle hätte es nicht mal etwas gebracht, wenn ich früher mit dem Lernen angefangen hätte – denn jedes noch so kleine Detail hätte ich mittlerweile sowieso schon wieder vergessen. Für mich ist es einfach eine riesige Enttäuschung, dass dieses so hoch gelobte und so stark respektierte System der Universität sich selbst zu zerstören scheint. Multiple-Choice-Klausuren, Grundlagenorientierungsprüfungen und Teilen der Bologna-Reformen sei Dank. Hauptsache möglichst viel, möglichst schnell, möglichst effizient. Das ist nicht nur schade für die Uni und für alle Studierenden, sondern auch für unsere Gesellschaft. In diesem Sinne bleibt mir nun nichts anderes übrig, als mich wieder meinen Blättern zu widmen und aufzuhören, mir gesellschaftliche Fragen zu stellen, die mich von meinem stupiden Auswendiglernen abhalten könnten. Ziel erreicht, oder?

 

Bild: fotografiert von Jakob Scholz

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7 Comments

  1. Dr. Pitzer Annette says:

    Liebe Anne-Elisa,
    toller Blogartikel, leider scheint sich an den Unis wenig verändert zu haben. Diese Unzufriedenheit hatte ich schon und das ist “Jahrhunderte” her.
    Alles Liebe
    Annette

  2. Lexa says:

    So ging es mir im Bachelor auch größtenteils. Klausuren sind nun mal so, alles andere würde sich schwer korrigieren lassen.
    Glücklicherweise gibt es ja daneben noch Hausarbeiten, Referate, Projekte, Portfolio-Prüfungen… bei denen kommt es dann darauf an den Sachverhalt zu verstehen und zu reflektieren. Und spätestens bei der Abschlussarbeit ist das ja auch gefragt.
    Durch die Klausuren muss man durch, damit man den Rest genießen darf. Denn ich zumindest habe die Erfahrung gemacht: Bologna hat nicht alles zerstört. Es gibt sie noch, die Seminare, in denen stark diskutiert wird und in denen der einmal angedachte Lehrplan keine Rolle mehr spielt, wenn die Studierenden an etwas anderem mehr Interesse zeigen.

    LG Lexa

    1. ANNA says:

      Liebe Lexa,
      ich habe in meinem Hauptfach Politik auch viele Klausuren, die auf Essays und das Verstehen ausgelegt sind – es gibt also auch die Möglichkeit, Klausuren so anzulegen und zu korrigieren. Aber du hast recht: Hausarbeiten und alles andere gibt es auch noch und ergänzen sich gut mit dem Rest. Schade nur, dass das alles erst in den höheren Semestern startet und (meiner Erfahrung nach) in den ersten zwei Semestern durch Multiple Choice und Auswendiglernen bei der Studentenzahl noch einmal deutlich aussortiert wird…
      Danke für deinen Kommentar und liebe Grüße :)

  3. Chriss says:

    Ich frage mich immer wem ein Student nutzen soll der irgendwelche Jahreszahlen auswendig kann. Klar eine Universität ist eine Bildungseinrichtung, aber letztendlich muss Sie ja Ihre Studenten auf das Berufsleben in der Wirtschaftswelt vorbereiten. Klar ist ja, dass nicht jeder Physikstudent Forscher oder Professor nach seinem Studium wird. Einen Unternehmenschef interessiert es reichlich wenig, ob du gesetze auswendig kannst oder weißt wann die französische Revolution begann. Die Leute wollen Angestellte die selbständig mit Problemsituationen umgehen und dies dann bestmöglich lösen können. Genau hierfür müsste eigentlich das eigene lösungsorientierte Denken (eigentlich schon an der Schule) gefördert werden. In der Regel überleben nur die Unternehmen die kreativ und Risikobereit Lösungen suchen und eben nicht diejenigen, die alles nach Schema F erledigen. GleichEs gilt für die Studenten die in der freien Wirtschaft arbeiten möchten. Klar Grundkenntnisse sind absolut notwendig, diese müssen beigebracht werden. Lasse ich meine Schüler aber an der kurzen Leine und erwarte Bulimie gelernte Ergebnisse statt einem “über den Tellerrand Hinausschauen”, so züchte ich mir doch im extremsten Fall unmündige, unfreie und unselbsständige errwachsene Menschen, welche eigentlich verantwortungsbewusste selbstdenkende Vorbilder sein sollten, heran.
    So sehe ich das zumindest als jemand der sich mittlerweile eigentlich ganz gut in der Wirtschaft auskennt. Extremes Beispiel für das vorhin geschilderte ist Elon Musk, der ja ganz offen sagt, dass ihr Zeugnisse, Abschlüsse etc. kaum interessieren. Wer gut selbständig arbeitet steigt auf. Wer nicht alleine klarkommt muss gehen (bezogen auf seine Unternehmen). In meiner Ausbildung wurde mir sogar extra gesagt, dass man als Personalchef nicht all zu sehr auf die akademische Leistung Wert geben sollte.

    1. ANNA says:

      Hey Chriss,
      ich sehe das ganz genauso wie du, würde das auch so unterschreiben. Ich denke, Zeugnisse und Abschlüsse sind immer noch in manchen Branchen sehr ausschlaggebend dafür, ob man nun einen Job bekommt oder nicht. Aber ja: spätestens im Job zeigt sich doch dann, ob die Fähigkeiten wirklich da sind, also Selbstständigkeit, eigenständiges Denken. Also würde es (auch von wirtschaftlicher Seite aus) Sinn machen, doch genau das schon von Anfang an zu fördern…
      Danke für’s Kommentieren und ganz liebe Grüße an dich :)

  4. Linkliebe ? 14 | LexasLeben says:

    […] Bulimie-Lernen […]

  5. Nicole Starrmann says:

    Auf den Punkt gebracht! Danke und LG Nicole

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