Die goldene Mitte

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Erfolgreich sein, viel Geld verdienen, Zeit für sich haben, Sport treiben und den perfekten Körper haben, den Traumpartner finden, belesen sein, immer wissen, was in der Welt passiert, nachhaltig leben, keinen Müll mehr machen, nie wieder Schokolade essen, auf Zucker verzichten, kein Fleisch mehr essen, nur noch mit dem Fahrrad fahren.

“Setz dir Ziele!”, schreit diese Welt uns an.

Von Instagram-Posts, Plakaten und sogar Fernsehwerbungen schallt uns das entgegen. Und nicht nur das: einhalten sollen wir sie auch noch. Das erscheint auch gar nicht so schwer, schließlich haben wir genügend Vorbilder direkt vor der Nase, die das ja auch schaffen. Die ihre Ziele einhalten – ganz oder gar nicht.


Ein paar Szenen: Sie ist Fitnessmodel, präsentiert der Welt inklusive mir ihr Workout, das sie täglich eine Stunde lang durchführt. Nächste Aufnahme: ihr Traumkörper. Sie verzichte auch auf Zucker. Und überhaupt auf Kohlenhydrate. Klappt doch! Dann, die nächste Instastory, das nächste Projekt: Ein Kleiderschrank, der clean und aufgeräumt ist und dabei auch nur aus Teilen besteht, die fair hergestellt sind. Ich bin inspiriert! Swipe einmal nach rechts und sehe eine meiner Lieblingsbloggerinnen in diesem tollen neuen Kleid, das mir auch so gut gefallen würde – das aber leider ganz und gar nicht fair ist. Dafür aber unbezahlbar. Die nächsten zehn Minuten springen mir dann perfekte Smoothie Bowls, diverse Low Carb Gerichte und Schokosensationen ins Auge, die mich alle anlachen und mir sagen wollen, dass ich das doch auch kann. Die Social-Media-Welt zeigt mir die ganze Zeit neue Dinge, die ich schaffen möchte. Am liebsten würde ich täglich Yoga machen, eine Stunde joggen gehen, nur faire Mode kaufen, trotzdem den tollsten Kleiderschrank der Welt haben und gleichzeitig einen Job, der mich ausfüllt, Zeit für mich – me-time ist ja so wichtig! – und überhaupt von allem nur das Beste. Es geht immer weiter, immer besser – und wer auf halbem Weg hängenbleibt, verzweifelt schnell. Denn es gilt: Ganz oder gar nicht. 


Durch diese Eindrücke, diese Welt voll angestrebtem Perfektionismus und schlechtem Gewissen, Verurteilung und Schubladendenken – und das im Übrigen nicht allein auf Social Media -, gerät sie oft in Vergessenheit: die goldene Mitte. Die, über die schon Aristoteles schrieb und die nichts an in ihrer Aktualität einbüßen sollte. Sie ist das Maßvolle, der Mittelweg zwischen den Extremen. Das klingt zunächst langweilig, ist aber in vielen Fällen genau das, was wirklich vorantreiben kann. Manchmal braucht es klare, direkte Schnitte. Aber meist braucht es das Abwägen, das Finden einer eigenen oder gemeinsamen Mitte, um all die verschiedenen Ansichten, möglichen Auswirkungen und Gefühle zu vereinbaren.

Es ist leicht, sich Dogmen aufzuzwingen, ihnen zu folgen und keine Ausnahmen zu dulden. Es ist leicht, zu verurteilen, wenn man nur eine Regel kennt. Entweder ganz oder gar nicht.

Unsere eigene goldene Mitte zu finden, darin liegen Problem und Lösung in einem.

Die goldene Mitte soll keine Ausrede sein. Keine Hintertür, um sich Fehler schön zu reden. Sie soll viel mehr die Entlastung dafür sein, Entscheidungen nach eigenem Maß treffen zu können. Ohne feste Schubladen. Sondern mit Verantwortung und persönlichem Feingefühl. Manchmal ist genau das die schwierige Variante.

Ich denke, wer etwas richtig machen will, muss täglich für sich selbst entscheiden, welche Möglichkeit die bessere ist. Ökologische, ökonomische, soziale Komponenten und viele mehr sind es, die im Innern abgewogen werden. Wenn man sich traut, Entscheidungen entfernt von strikten Regeln und Dogmen zu treffen – sondern für sich persönlich. Diese Welt kann nur besser gemacht werden, wenn jeder Einzelne seinen persönlichen Beitrag dafür leistet. Und genau deswegen sollten wir bei uns selbst anfangen, bei unseren eigenen Entscheidungen, die nicht nur andere, sondern auch uns selbst glücklich machen sollen. Wir alle sind ein Mikrokosmos, der mit seinen Entscheidungen Auswirkungen auf die ganze Welt, zumindest aber auf unser Umfeld geben kann. Unsere Entscheidungen können nicht immer richtig sein, ihre Beurteilung liegt in so vielen Facetten, die manchmal nur wir selbst sehen können. Unsere eigene goldene Mitte zu finden, darin liegen Problem und Lösung in einem.

 

fotografiert von Katja 

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