Die neue Gretchenfrage: Sag, wie hast du’s mit dem Fleischkonsum?

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Sag, wie hast du's mit dem Fleischkonsum?

Es ist eine der Schlüsselstellen in Goethes Faust, der heute noch Jahr für Jahr Schülerinnen und Schülern unfassbar viel Freude bereiten darf. In dieser fragt das besagte Gretchen die Hauptfigur Faust, als es zwischen den beiden langsam ernster zu werden scheint: „Sag, wie hast du’s mit der Religion?“.

Eine Frage, mit der der nicht-gläubige, liebestolle Wissenschaftler Faust ziemlich überfordert zu sein scheint. Schließlich ist dies eine der Fragen, auf die es äußerst schwierig ist, eine oder gar die richtige Antwort zu finden. Die Frage um die Religion bietet so viel Zündstoff, dass sie in alltäglichen Gesprächen selten zur Sprache kommt – und wenn, so scheint es, eher aus einem Versehen heraus. Wer gegen eine Religion argumentiert, wird schnell zum frevelhaften Debatten-Gegner. Denn – und das stimmt wohl auch – wie kann man über etwas auf realer Basis diskutieren, für das es keine Beweise, keine Belege gibt? Wer soll schon Recht haben? Keiner? Alle? Vor allem, wenn dabei jeder denkt, er selbst habe die richtige Antwort auf diese Frage? Es folgt also ein Gespräch voller Rechtfertigungen, Anschuldigungen, vielleicht sogar Beleidigungen.

Doch es scheint, als wäre die Religion nicht mehr die einzige Gretchenfrage, mit der wir uns herumschlagen müssen. Es gibt eine, die uns heutzutage fast noch mehr zu beschäftigen scheint, und diese heißt: „Sag, wie hast du’s mit dem Fleischkonsum?“ Es nehme sich in Acht, wer hier etwas Falsches sagt! Falsch heißt in diesem Sinn das, was nicht der tiefen Überzeugung des Gegenübers entspricht. Hier handelt es sich allerdings nicht nur um eine Frage, deren Beantwortung viele Argumente beinhalten kann, sondern vor allem um eine extrem emotionale. Eine Grundsatzfrage, die Freundschaften spalten und Beziehungen an ihr Ende bringen kann.

Der seltsame Unterschied? Während es bei der Frage um die Religion wirklich um den persönlichen Glauben, eigene Vorstellungen und schlichtweg nicht beweisbare Ansichten geht, ist das bei der Debatte um den Fleischkonsum doch etwas ganz anderes. Klar, viele Vegetarier und Veganer sind dies aus moralischer Überzeugung. Aber trotzdem: Ob oder wie viel Fleisch wir essen, hat ganz klar gesundheitliche, klimatische und wirtschaftliche Konsequenzen. Über die man ganz klar und faktengestützt diskutieren könnte.

Ob oder wie viel Fleisch wir essen, hat ganz klar gesundheitliche, klimatische und wirtschaftliche Konsequenzen. Über die man ganz klar und faktengestützt diskutieren könnte.

Wenn wir unseren Fleischkonsum um 80 Prozent reduzieren würden, stürben im Jahr 896 Millionen Tiere weniger. Das hieße: Weniger oder keine Massentierhaltung, sondern möglichst tierfreundliche Bedingungen ohne qualvolle Methoden. Das hieße auch: Höhere Qualität und weniger Antibiotika im Fleisch. Auch für den Klimaschutz würde dies einen riesigen Unterschied machen: Allein 70 Prozent der Treibhausgasemissionen entstehen durch Viehzucht. Das heißt, wir könnten bis zu 18 Tonnen pro Jahr allein in Deutschland vermeiden. Zum Vergleich: Das ist so viel, wie mit einem Auto auf einer Strecke von 150 Milliarden Kilometern ausgestoßen wird.

Das sind nur einige der vielen Argumente, die dafür sprechen, den Fleischkonsum zu verringern. Das Schlimme ist jedoch nicht, dass nicht alle diese Argumente vertreten – bei welcher freien Debatte sollte das schon der Fall sein? Wirklich schlimm ist viel mehr, dass diese Debatte gar nicht erst geführt wird. Und wenn, dann nur hinter vorgehaltener Hand, ohne ja auch nur einen Wähler zu verschrecken.

Deutschland, das Land, in dem wirtschaftliche Debatten sicherlich keinen niedrigen Stellenwert haben, scheut sich vor diesem Dialog. Die Bundesregierung, das Umweltamt und sämtliche Parteien vermeiden das Thema und verstecken es hinter undurchsichtigen Floskeln oder abgeschwächten Gesetzesentwürfen. Keiner scheint sich verantwortlich zu fühlen. Einzige Ausnahme sind die Grünen – allerdings wird von ihnen in dieser Hinsicht wohl auch nichts anderes erwartet.

Denn ausgerechnet beim Thema Fleisch scheinen rechts und links die Scheuklappen ausgefahren und blind dem Ziel des hemmungslosen Fleischkonsums gefolgt zu werden.

Es gibt so viele Probleme, die mit unserem scheinbar aus der Kontrolle geratenem Fleischkonsum einhergehen. Ganz aktuell: Es ist klar, das er unsere Böden mit Nitrat verpestet und unser Trinkwasser fast doppelt so teuer wie bisher machen wird. Durch die Masse an Gülle, die durch Massentierhaltung in unser Grundwasser gelangt, steigt dessen Reinigungsaufwand immens an. Das trifft auch den Verbraucher mit hohen Kosten. Alles nur, damit unser Fleisch billig bleibt? Diese Rechnung erscheint von außen betrachtet weder wirtschaftlich sinnvoll noch sozialpolitisch.

In Deutschland herrscht das Prinzip der Sozialen Marktwirtschaft. Was wie viel zu welchen Preisen konsumiert wird, bestimmen Angebot und Nachfrage. Den sozialen Aspekt, den Klimaschutz und gesamtheitlich wirtschaftliche Folgen hat dabei die Politik im Auge. Das sollte sie zumindest haben. Denn ausgerechnet beim Thema Fleisch scheinen rechts und links die Scheuklappen ausgefahren und blind dem Ziel des hemmungslosen Fleischkonsums gefolgt zu werden. Umwelt, Wirtschaft, Gesundheit? Lass mal, unsere Wähler wollen billiges Fleisch.

Können wir nicht alle bei diesem Thema endlich mehr auf Vernunft anstatt auf Gutmensch-Argumente oder testosterongeladene Überzeugungen setzen?

Der Kern dieses Problem ist für mich ganz einfach die Art, wie diese Debatte in unserer Gesellschaft verankert ist. Also: Erhöht euren Fleischkonsum doch nicht zu einer Glaubensrichtung – egal, ob ihr Vegetarier, Veganer, Flexitarier oder Dauerkonsument seid. Es ist viel weniger eine Frage der inneren Überzeugung, sondern eine nach dem Sinn und den Konsequenzen für die Person selbst und für die Welt in ihrem Ganzen. Können wir nicht alle bei diesem Thema endlich mehr auf Vernunft anstatt auf Gutmensch-Argumente oder testosterongeladene Überzeugungen setzen? Es geht hier nicht um gut oder böse, sondern um Verantwortung. Um die Verantwortung, sich mit seiner Umwelt und den Konsequenzen des eigenen Handelns auseinanderzusetzen. Wenn es um andere Dinge geht, können wir das doch auch. Warum dann bitte nicht beim Thema Fleisch?

Meine Angaben im Text habe ich zum Großteil aus einer Dokumentation zum Thema Fleisch der Tagesschau gezogen. Um sich in das Problem der steigenden Trinkwasserpreise einzulesen, empfehle ich diesen meiner Meinung nach sehr guten Artikel von Elisabeth Raether für die ZEIT.

Bild: Khachik Simonian via stocksnap

2 Comments

  1. Chris says:

    Sehr schöner Beitrag, der nicht so sehr auf das moralische individuelle Gefühl abzielt, sondern mit klären Fakten kommt. Weiter so!

    1. ANNA says:

      Danke, genau das wollte ich versuchen! Liebe Grüße :)

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