Eure, meine, unsere Selbstinszenierung

Posted on

Sind wir eine Generation narzisstischer Selbstdarsteller? Auf der Flucht vor der Realität, mit dem Ziel inszenierter Individualität? 

An manchen Tagen macht es mich fast krank, macht es mich einfach nur müde, durch meinen Instagramfeed zu scrollen – ein Gesicht nach dem anderen zu sehen, eine gehaltlose Bildunterschrift nach der anderen, überall Produkte, Tipps, Reiseimpressionen. Als ob sich die Welt nur darum drehen würde. Als gäbe es nicht so viel mehr, über das geredet werden sollte, das unsere Aufmerksamkeit bräuchte, das uns in unserem eigenen Alltag beschäftigt. Und ich frage mich, ob sie das nicht schon längst tut, diese Welt: sich nur um sich selbst drehen, ohne Rücksicht auf das Äußere. Diese verquere Welt, die sich nach Skandalen, Clickbait und trotzdem nach Oberflächlichkeitseskapismus zu sehnen scheint.

Hat uns Social Media so weit gebracht, dass wir diese Überdosis an Aufmerksamkeit brauchen? Oder: War das nicht vielmehr schon immer so, nur äußert es sich nun eben über Social Media? An dieser Stelle fällt es mir manchmal so schwer, abzugrenzen, wo Kunst aufhört und Selbstinszenierung anfängt – oder ob diese schlichtweg eins sind. Die meisten der großen Künstler sind schließlich allein schon eine Inspiration, ein Zentrum der menschlichen Neugier, in sich selbst: Vincent van Gogh, Marilyn Monroe, Coco Chanel, John Lennon, David Bowie, Michael Jackson – wäre ihre Kunst so groß ohne die Geschichte ihrer selbst? Wäre sie so interessant und so bewegend? Muss Kunst immer nur für sich alleine stehen – oder soll, ja muss, sie nicht in einen Kontext gebracht werden?

Wo hört Kunst auf und wo fängt Selbstinszenierung an? Oder: Sind sie vielleicht sogar eins?

Über das Ausmaß von Kunst, ihre Grenzen und ihre Interpretation kann gestritten werden. Doch heutzutage ist die Möglichkeit der Kreativität, des Gefühls der künstlerischen Gestaltung, so viel näher als je zuvor, nahezu jeder Mensch, der möchte, hat Zugriff darauf. Ich habe für mich akzeptiert, Instagram als Kunstform zu sehen – und das doch auch zu recht: weil sie Kunst fördert, Fotografie, Gedankengut, Mode, Texte. Sie ist wohl das erfolgreichste kreative Ventil, das in unserer Welt aktuell zu finden ist. Und diese Überzeugung bringt mir immer wieder die Freude daran, Bilder zu zeigen, regelmäßig zu posten, auf meine eigene Art kreativ zu sein – egal, wie andere das vielleicht beurteilen mögen.

Und doch bleibt er: der bittere Beigeschmack der Selbstinszenierung, in der ich an so vielen Tagen keinen Sinn sehe. Wenn sich ein lachender Outfitpost an den anderen reiht, eine “bezahlte Partnerschaft mit…” an die nächste. Es sind nicht die Kooperationen, die mich stören, auch daraus können kreative Ideen und Posts entstehen, sie können inspirieren – wenn sie denn transparent gehalten werden. Aber das ist nicht der Punkt, den ich hier gerade machen möchte. Es geht mir vielmehr um die Einheitlichkeit, um die Masse, in der sich jeder Einzelne mithilfe des Mainstreams abheben möchte. Individualität in Häppchen.

Das Schlimmste daran ist: Ich weiß in diesen Momenten nicht, inwieweit ich mich selbst davon ausschließen kann und ob ich nicht selbst ein Teil genau dessen bin, was mich so nachdenklich macht. Denn ja, wahrscheinlich sind auch meine Bilder Teil einer selbstdarstellerischen Generation für andere. Ich weiß für mich, dass ich meinen Inhalten Aussagen geben möchte – egal ob das Gedanken, Meinungen oder Gefühle sind. Ich versuche mein Bestes, das zu schaffen, an der Oberfläche zu kratzen und hoffe, dass es mir gelingt. Ich weiß nicht, ob das reicht, für mich und auch für euch – aber ich wünsche es mir sehr.

Vielleicht sind wir genau das: Eine Generation narzisstischer Selbstdarsteller. Vielleicht verbirgt sich dahinter aber auch viel mehr, das wir nur sehen, wenn wir genau hinsehen. Vielleicht ist es vielmehr Kunst als Dokumentation, vielleicht ist das auch okay. Solange uns klar ist, dass auch Fakten unsere Welt schaffen und dass wir genau diese Fakten schaffen – ist das Treiben in der Welt der manchmal so leichten Bilder doch in Ordnung. Wenn nicht sogar unfassbar wichtig, um ab und zu mal den Kopf in die Wolken zu stecken und zu träumen. Denn, was wäre das Leben schon ohne diese Träume?

  • Share

4 Comments

  1. Lilli says:

    Hej du! Ich habe mich durch einige deiner Artikel gelesen und bin wirklich ganz glücklich, wieviele verschieden Themen du aufgreifst, die mich auch immer wieder bewegen. Mein Kopf ist derzeit voll mit sinnerfragenden Gedanken, es rotiert pausenlos. Du sprichst mir oft aus dem Herzen und hast interessante Ansätze- ich hätte Lust, mich einfach mal ein bisschen mit dir auszutauschen und zu philosophieren. Wenn du magst, melde dich doch via Instagram @laylioh, ich würde mich freuen, auf jeden Fall danke für die Inspirationen:-)

    1. ANNA says:

      Hey liebe Lilli – danke dir, das freut mich sehr! Das hört sich gut an :)

  2. Krissi says:

    Du schreibst einfach soo soo gut Anna!
    Es ist wirklich so: Man sieht auf Instagram überall Selfies und Ganzkörperbilder, alles optimal in Szene gesetzt, um möglichst perfekt rüberzukommen. Ich schaue mir diese Bilder gerne an und mag es auch, welche zu posten, aber du hast Recht: Wir sollten niemals vergessen, dass es noch so viel mehr gibt – im Real Life, außerhalb von Instagram und Co. Solange wir das im Hinterkopf haben und uns auch mit den Geschehnissen in der “realen Welt” befassen, ist es meiner Meinung nach vollkommen in Ordnung, in die digitale Welt einzutauchen, wohl wissend, das nicht alles so perfekt ist, wie es auf den Social Media Plattformen scheint. :)

    Ganz liebe Grüße,
    Krissi von the marquise diamond
    http://www.themarquisediamond.de/

    1. ANNA says:

      Hey liebe Krissi, danke dir für deinen Kommentar! Seh ich ganz genauso :)
      Liebe Grüße an dich <3

Leave a comment

Your email address will not be published.

Cookie-Einstellung

Bitte treffen Sie eine Auswahl. Weitere Informationen zu den Auswirkungen Ihrer Auswahl finden Sie unter Hilfe. Datenschutzerklärung | Impressum

Treffen Sie eine Auswahl um fortzufahren

Ihre Auswahl wurde gespeichert!

Weitere Informationen

Hilfe

Um fortfahren zu können, müssen Sie eine Cookie-Auswahl treffen. Nachfolgend erhalten Sie eine Erläuterung der verschiedenen Optionen und ihrer Bedeutung.

  • Alle Cookies zulassen:
    Jedes Cookie wie z.B. Tracking- und Analytische-Cookies.
  • Nur First-Party-Cookies zulassen:
    Nur Cookies von dieser Webseite.
  • Keine Cookies zulassen:
    Es werden keine Cookies gesetzt, es sei denn, es handelt sich um technisch notwendige Cookies. Borlabs Cookie hat bereits ein notwendiges Cookie gesetzt.

Sie können Ihre Cookie-Einstellung jederzeit hier ändern: Datenschutzerklärung. Impressum

Zurück