Gesellschaft: Wir sollten nicht alle Menschen gleich behandeln

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Es fühlt sich seltsam an, einen Text mit einem Satz zu beginnen, der auf den ersten Blick eigentlich gegen all das spricht, was ich sonst schreibe und vertrete: Wir sollten nicht alle Menschen gleich behandeln.

Mich hat in letzter Zeit häufig und tatsächlich zum ersten Mal in meinem Leben wirklich der Gedanke beschäftigt, wieso wir bestimmte Menschen so anders behandeln als andere. Wie kann es sein, dass für uns jedes einzelne Familienmitglied einen so viel höheren Wert als hundert Fremde? Dass ein guter Freund durch tausend andere Menschen nicht zu ersetzen wäre? Dass wahrscheinlich die allermeisten von uns auf die Frage, wen sie eher retten würden: die eigene Mutter oder hundert Menschen am anderen Ende der Welt, sich für die eigene Mutter entscheiden würden. Ich frage mich: Ist das moralisch verwerflich, diese Ungleichbehandlung? Bin ich ein schlechter Mensch, wenn ich mich für einen ganz bestimmten Menschen entscheide und einsetze?

Natürlich lassen sich Menschenleben nicht gegeneinander aufwiegen. Aber trotzdem: Bei Entscheidungen, die unseren liebsten Menschen helfen, gehen wir bestimmt des Öfteren leichtfertig das Risiko ein, anderen damit zu schaden. Oder denken gar nicht so viel darüber nach. Wir sind wie in einer Art Tunnel, die uns an die Menschen denken lässt, die uns am Herzen liegen, bei denen unsere Angst, sie zu verlieren, am allergrößten ist.

Wenn ich darüber nachdenke, beschäftigt mich tatsächlich gar nicht der Gedanke daran, hier an meinem Verhalten etwas zu ändern. Es ist für mich unvorstellbar, das Wohlempfinden meiner Familie und meiner engsten Freunde hinter das von anderen zu stellen. Das klingt so egoistisch und ich weiß, dass ich das ja nur deswegen tue, weil sie eben zufälligerweise die Menschen sind, die mir besonders nah und wichtig sind. Ich frage mich viel mehr, ob dieses Verhalten etwas ist, was wir Menschen tatsächlich als natürlichen Egoismus in uns tragen und dieses amoralische Verhalten mit unserem sozialen Umfeld rechtfertigen, mit all dem, was wir über Familie und Freundschaft in unserer Gesellschaft gelernt haben. Aber es ist es denn überhaupt so amoralisch? Und: schadet es unserer Gesellschaft, wenn wir in dieser Hinsicht egoistisch denken?

Ich glaube nämlich nicht. Ich glaube sogar, dass sich eine gute Gesellschaft genau hierauf aufbaut: Auf dieser familiären und freundschaftlichen Fürsorge, auf diesem Füreinander-da-sein im Kleinen und damit auch im Großen. Wenn wir alle niemanden haben, der uns bei den kleinen Problemen, Herzensangelegenheiten oder plötzlichen Schwierigkeiten hilft, kann ein Staat im Gesamten das niemals schaffen. Wenn wir selbst nicht diese Menschen haben, die uns unseren Rücken stärken, kann eine ganze Gesellschaft niemals stark werden. Seelische Krankheiten werden im Ganzen in Zahlen erfasst – erkannt werden sie aber im Privaten. Hier werden sie ertragen, bekämpft und, im glücklichsten Fall, auch besiegt. Ich glaube, eine gute und möglichst gesunde Gesellschaft beginnt genau hier, im Privaten. Die größten Taten für diese Gesellschaft sind also oftmals die, die wir im Kleinen erreichen, in dem wir für die Menschen da sind, die uns am nächsten sind. Wir sollten nicht alle Menschen gleich behandeln, weil manche unsere ganz besondere Aufmerksamkeit verdient haben und brauchen. Ich bin davon überzeugt, dass das, was wir ihnen dadurch schenken, auch all den anderen Menschen in unserer Gesellschaft auf irgendeine Art zugute kommt.

3 Comments

  1. Sarah says:

    Ein wirklich schöner Post und interessante Gedanken, danke dafür!

    1. ANNA says:

      Danke, liebe Sarah <3

  2. Wir, die "Self Care"-Generation | ANNA-E says:

    […] in andere stecken, dass für uns selbst nichts mehr übrig bleibt. Vor kurzem schrieb ich, „wir sollten nicht alle Menschen gleich behandeln„. Aber genau dabei sollten wir auch eine bestimmte Person nicht vergessen: uns selbst. Wir […]

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