Ich bin hier fremd

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Diese Blicke auf mir, direkt und unverhohlen, auf mein Haar, in meine Augen, auf meine Kleidung. Ich bin hier fremd, merke ich. So deutlich, wie ich es tatsächlich noch nie in meinem Leben erfahren habe, wie ich es einfach nicht kenne. Manchmal kommt es mir so vor, als würde meine helle Haut leuchten, blenden – und die Blicke auf sich ziehen. So schnell laufen mir die ersten leichten Schweißperlen über das Gesicht, ich kann gar nicht anders und spüre, wie ich langsam aber sicher diese unangenehme Röte annehme. Die Hitze ist für meinen Körper so unangenehm, dass ich selbst in lockerem Sommerkleid und barfuß von den Temperaturen erschlagen werde. Und ich ärgere mich tatsächlich über mich, über diesen Körper, der hier nicht reinpasst, der zwar meist nette, aber trotzdem leicht belustigte Blicke erntet. Ich bin hier fremd.

Unser Zwischenstopp auf dem Flug nach Indonesien: Riad, Saudi-Arabien. Trotz langer Hosen, die unsere Beine bedeckten und Pullis, durch die unsere Arme verborgen blieben, streiften uns die Blicke. Eine ganze Nacht mussten wir dort auf unseren Anschlussflug warten und es schien, als wären wir die einzigen Europäer an dem gesamten Flughafen. Die einzigen mit diesen deutlich sichtbaren Unterschieden, mit den anderen Klamotten, den so anderen Gesichtern. Die Blicke hier sind so direkt und stechend, dass sie ein unangenehmes Gefühl in mir auslösen. Das ist nicht wie einige Tage später, an denen wir mit unserem balinesischen Fahrer über hellhäutige Touristen und deren Sonnenbrand scherzen – they look like lobster“, lacht er und wir steigen mit ein. Das hier ist beklemmend und ungewohnt. Ich bin hier fremd.

Und das, obwohl ich zu wissen meine, wer ich bin, wohin ich gehöre und wie ich fremden Menschen gegenübertrete. Für mich waren es nur ein paar Stunden an einem Flughafen und einige Momente während meinem Urlaub, wenn wir inmitten von Einheimischen waren, abseits von Touristenpfaden: Schnell merkte ich den Unterschied zwischen gegenseitigem Anerkennen, der Nichtbeachtung des Fremden, der schlichten Freundlichkeit, dem respektvollen Gegenübertreten und der Angst, dem Misstrauen und den unangenehmen Blicken und Gesten, die durch das Fremdsein entstehen. Ich erkannte diese zwei Varianten davon, wie wir fremden Menschen gegenübertreten. Für mich waren das nur kurze Ausschnitte, die schnell wieder verdrängt wurden, ich war hier Tourist und dessen war ich mir im Klaren. Ein beklemmendes Gefühl bekomme ich jedoch, wenn ich den Gedanken weiterdenke und mir im Klaren darüber werde, dass es vielen Menschen in unserer Gesellschaft täglich so gehen muss. Dass wir, manche davon bestimmt sogar ohne bösen Hintergedanken, anderen Menschen das Gefühl geben, nicht dazuzugehören. Fremd zu sein.

Das hier ist beklemmend und ungewohnt. Ich bin hier fremd.

Dieses Gefühl muss so durchdringend und zerstörend sein, der eigene Körper gefangen in einer fremden Welt, zu der er mit ganzen Herzen dazugehören möchte, für die er sich interessiert – aber die Hürden unüberwindbar zu sein scheinen, weil tägliche Blicke und Vorurteile es unterschwellig unmöglich machen, sich in dieser Welt vollkommen angenommen zu fühlen.

Und dann, einige Tage später: 13 Prozent für die AfD. Eine Partei, die so unverhohlen ausländerfeindlich ist, dass es mich im Gedanken daran im Innern erstarren lässt. Ein Stich, so hart, dass er sich mitten in das Herz unserer pluralistischen Gesellschaft bohrt. Wie mag dieses Ergebnis wohl für die sein, die sich oft fremd fühlen, die so oft noch von diesem Gefühl der hilflosen Fremde geprägt sind? Wie ein Faustschlag in den Magen, der dir die Luft abschnürt, in einer unvorstellbaren Stärke. Worte von Gauland und Weidel, die sich tief in die Herzen von Menschen bohren. Ich kann gar nicht sagen, wie sehr mich solche Reden beschämen und wütend machen. Doch dieser Artikel soll sich nicht um die AfD drehen, nicht um die 13 Prozent, sondern um uns alle, die Gesamtheit der Menschen in unserer Gesellschaft.

„We are all from the same mother“, lacht mir ein junger Balinese zu und formt mit seinen Händen den Bauch einer Schwangeren.

Ich habe nur in einem vergleichsweise wirklich kleinem Ausmaß das Gefühl der Fremde gespürt – und trotzdem hat es mich so sehr bewegt und nachdenklich gemacht. Es ist bestimmt eines der schlimmsten Gefühle, die wir Mitmenschen vermitteln können und es ist gleichzeitig eines, das sich so leicht verhindern lässt. Durch Offenheit, puren Respekt und die Fähigkeit, den eigenen Horizont immer mehr zu erweitern, sich von Neuem nicht verängstigen zu lassen. Mit ein bisschen mehr Gedanken darüber, was wir durch bestimmte Handlungen und Verhaltensweisen bei anderen Menschen auslösen können. „We are all from the same mother“, lacht mir ein junger Balinese zu und formt mit seinen Händen den Bauch einer Schwangeren. Er sagt so einfach dahin, was viel zu oft in Vergessenheit zu geraten scheint. Es könnte so einfach sein.

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