Kommentar: Wird unsere Welt immer skrupelloser – oder sind es wir?

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Es fühlt sich an, als kämen all die grausamen, markerschütternden Nachrichten immer frequentierter, immer näher. Eine persönliche Erinnerung: Als wir dieses Silvester feierten und auf ein gutes, wundervolles Neues Jahr anstießen, erreichte uns nur ein paar Minuten später die erste von mir erlebte Terrorwarnung hier in München.

Zum Glück war es an diesem Tag nur ein falscher Alarm, aber seit Anfang des Jahres haben sich Angst und Schock immer häufiger in unsere Herzen geschlichen. Es ist das Jahr 2016 und es scheint, als wäre unsere Welt, in der wir unseren Alltag verbringen, in einem schlimmeren Zustand als je zuvor. Wir werden überschwemmt von schlechten Nachrichten, trauernden Worten und erschreckenden Prognosen. Horrorszenarien aus Paris, Brüssel, Nizza und jetzt auch Würzburg, München, Ansbach. Egal ob terroristische Akte oder geisteskranke Einzel- oder Nachahmungstäter. Nicht weit weg schreitet die Türkei mit großen Schritten und Blutvergießen von einem EU-Beitrittsstaat auf ein autoritäres Regime zu. Immer mehr Menschen wählen rechtsextreme Parteien und säen Hass und Zwietracht in unserer Gesellschaft. Und in Übersee, in den großen, vereinigten Staaten von Amerika, wird ein offensichtlicher Lügenerzähler mit einem Wahlprogramm aus Rassismus und Weltfremdheit zum Präsidentschaftskandidaten gewählt.

Letzte Nacht, kurz vorm Schlafengehen, nahm ich den Globus vom Regal auf meinen Schoß, strich sanft mit den Fingern über die Welt und fragte: „Wo tut’s denn weh?“

„Überall,“, flüsterte sie, „Überall.“

Und wir, die Welt, sind ohnmächtig und sprachlos.

Doch Halt, so sprachlos sind wir gar nicht. Auf den sozialen Netzwerken ist niemand leise, jeder muss mitreden, kommentieren, seinen Senf dazugeben. Das ist einerseits selbstverständlich gut, eine große Bereicherung für unsere Zeit, unsere Demokratie und die Weltpolitik. Solange es dabei um Solidarität, humanitäre Hilfe, Trauer, Mitgefühl und damit verbundenes Feingefühl geht. Die Welt zeigt, dass sie Anteil nimmt, dass sie an das Gute glaubt und denen, die das in diesem Augenblick vielleicht vergessen, Hoffnung auf Menschlichkeit geben. Aber was, wenn all das von Sensationslust, der Gier nach den berühmten fünf Minuten oder Hasstiraden ausgenutzt und überschattet wird?

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Als am Freitag die erste Nachrichtenmeldung auf meinem Handy aufploppte und berichtete, dass es eine Schießerei in einem sehr beliebten, stets stark besuchten Münchner Einkaufszentrum gegeben hatte, einem in dem auch ich schon unzählige Nachmittage verbracht habe, und die ersten Nachrichten von guten Freunden eintrafen, drückte sich sofort mit einer massigen Wucht ein schmerzendes Gewicht auf meinen Brustkorb. In der Ungewissheit und den fehlenden Informationen, lagen zunächst die Angst und die Taubheit. Aber: Erst die vielen Spekulationen, Berichte ohne Beweismaterial und Tweets ohne Hintergrundwissen, schürten die große Panik, die Menschen in dieser Nacht schier verzweifeln lies.

In Situationen wie diesen, ist eine fundierte, auf Beweisen fußende Meldung zu Überblick und aktuellen Kenntnissen so viel mehr wert als tausende sinnlose Spekulationen. Diese sind im Gegenteil sogar Auslöser sind für massenweite Panik, unkontrollierbare Zustände und vor allem Steilvorlage für all diejenigen, die Hass und Gewalt in unserer Gesellschaft säen wollen.

Wer die Einsätze der Polizei behinderte, Menschen in panische Angstzustände versetze und damit der Täterseite eine mögliche Hilfe bot, waren die Leute, die im Internet wilde Gerüchte, furchtbare Videos und panikverbreitende Statements posteten. Wenn ich darüber nachdenke, dass es Menschen gibt, die absichtlich Falschmeldungen posten, um für einen Augenblick die Toptweets zu erreichen oder eine kurze Aufmerksamkeitswelle auf irgendeinem anderen Kanal zu erleben, läuft es mir eiskalt den Rücken hinunter. Menschen wie diese spielen mit den Gefühlen anderer Menschen – und das auf eine extrem skrupellose Art und Weise.

Ist das unsere heutige Welt, unsere Generation, in der Medien zum Alltag gehören? Haben wir durch das Internet sämtliche Skrupel verloren und sie gegen Reichweite und Konkurrenzkrampf eingetauscht?

Terror ist nur dann erfolgreich, wenn er zu uns durchdringt, sich in unsere Köpfe einnistet und eine grauenhafte, hasserfüllte Stimme entwickelt. Die der Angst, der Panik, des gegenseitigen Misstrauens, des Hasses. Mit dem Ziel, unsere freie, offene, tolerante Gesellschaft zu vergiften. Und diese  Stimme dringt in unserer heutigen Zeit durch unsere medialen Möglichkeiten immer schneller, immer leichter, immer ungefilterter zu uns, in unsere Köpfe und unser Leben.

Was also tun? Keine Nachrichten, kein Fernsehen, Soziale Netzwerke adé? Eine wirklich rhetorische Frage, denn diese Annahme wäre weltfremd und utopisch, ganz im Gegenteil, genau diese Kommunikationsmöglichkeiten sind wahrscheinlich eine der größten Stärken unserer Generation. Aber wir müssen endlich, endlich lernen, wie wir richtig und bewusst damit umgehen. Solidarität, Trauer, Mitgefühl äußern, aber Spekulationen und Hasstiraden zurückhalten, sinnlosen Vermutungen grundsätzlich keine Beachtung schenken. Nicht einfach irgendwelche Informationen teilen, von denen man keinerlei Ahnung hat, ob es die richtigen sind.

„Hatred cannot be stopped by hatred. Violence should not be responded to with violence. The only way out of violence and conflict is for us to embrace the practice of peace, to think and act with compassion, love, and understanding.“ – Thich Nhat Hanh

Nicht blind umherlaufen, sondern auf unsere Umwelt achten. Menschlichkeit und Solidarität fördern und fordern. Die Augen öffnen, sich auf seriöse Quellen verlassen und vielleicht auch einfach mal im richtigen Moment die Klappe halten. Ja, das wünsche ich mir: Dass in Zeiten von Clickbating und Reichweitenkämpfen auch einfach mal bewusst geschwiegen wird. Dass wir die größte Stärke unserer Gesellschaft, unsere Freiheit, nutzen, um Solidarität zu zeigen, an das Gute zu glauben und damit all dem Furchtbaren die Stirn zu bieten.

Sicherlich können wir uns nicht mit hundertprozentiger Sicherheit vor Anschlägen, Terroristen oder psychopathischen Einzelkämpfern schützen. Ich verstehe nicht viel von Waffen, Verteidigungsstrategien oder Sicherheitslücken. Aber ich denke, dass es auf menschlicher Ebene nur eine wirkliche Lösung gibt, die diesem Elend entgegen wirken kann: Nehmen wir ihnen den Wind aus den Segeln. Lassen wir sie ihr Ziel nicht erreichen, erdrücken wir die Stimme in unserem Kopf mit Nächstenliebe und Solidarität. Besiegen wir sie mit dem, was wir ihnen voraus haben: Humanität, menschliches Gewissen, Skrupel und sozialer Zusammenhalt.

Trauer, Mitgefühl, Solidarität und Humanität sind meiner Meinung nach die stärksten Waffen. Grundsätzlicher Hass, Aggressivität und Pauschalisierung machen uns blind, angreifbar und lassen uns die Augen verschließen. Weil wir eben leider in einer Welt leben, in der es Angst, Schrecken und Tod gibt, Unbegreifliches, Unfassbares. Das wir akzeptieren müssen, auch wenn wir es nicht wollen und dem wir nur entgegensetzen können, wenn wir in unserem Denken stark bleiben und unseren Werten treu.

 

Foto Credit: Unsplash / Taco S.

3 Comments

  1. Marmormaedchen says:

    Hallo Anna!
    Ein sehr schöner Text, den ich nur unterstreichen kann. Manchmal macht es mir Angst, wie sich alles entwickelt – im Grossen wie im Kleinen. Wie wir uns entwickeln, als Menschen. Und dennoch gibt es sie: die Menschlichkeit, die Humanität. Sie ist nicht verloren gegangen, in dem ganzen Hass nicht. Und du hast recht: wir sollten sie leben. Oder schweigen.

    1. ANNA says:

      Genau so! Danke für deinen Kommentar <3

  2. 2016 (Ein Jahresrückblick und Zukunftsgedanken) | ANNA-E says:

    […] „In Zeiten wie diesen (warum ich keine Lust auf Pessimismus habe)“ „Wird unsere Welt immer skrupelloser – oder sind es wir?“ […]

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