Kunst darf kein Wettkampf sein

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Kunst ist wohl einer der weitläufigsten und dehnbarsten Begriffe unserer Sprache. Kunst zu definieren ist unmöglich: Sie kann überall stecken und nirgendwo. Ob wir sie sehen, liegt meist an uns, oder viel mehr daran, ob unsere Augen für sie geöffnet sind. Kunst zu erkennen ist mindestens so bedeutsam wie sie zu schaffen. Denn egal, ob sie in einem Gemälde, einer Fotografie, einem Song oder einem Text steckt – wenn sie von niemandem erkannt wird, ist sie nichts wert. Zumindest scheint das so. Als Kunst gilt: das Bild, das sich am häufigsten verkauft, das Buch, das zum Bestseller wird, der Song, der die Charts erobert.

Wir Menschen lieben es, zu vergleichen und zu urteilen. Zu selektieren und zu bewerten. Und so wollen wir Kunst erkennen, anhand von erlernten Maßstäben, Jahreszahlen, stilistischen Fertigkeiten. Ein Text, der Kunst sein muss, weil wir in ihm so viele Aphorismen, Metaphern und jegliche weitere Stilmittel erkannt haben. Dieses Gemälde, das ein wahres Kunstwerk sein muss, weil es an einer riesigen Wand in einem großen Museum hängt. Dieser Song, der definitiv Kunst sein muss, weil er sich schließlich millionenfach verkauft.

Kunst ist nicht dafür da, um von uns vermessen und beurteilt zu werden

Dabei ist es doch diese eine grundlegende Frage, die Kunst definiert: Fühlt es sich für dich persönlich nach Kunst an? Fühlst du irgendeine Bedeutung? Bringt es dich zum Nachdenken, wühlt es dich innerlich auf? Oder lässt es dich ruhig werden, löst es in dir dieses tiefe, angenehme Gefühl aus?

Kunst ist nicht dafür da, um von uns vermessen und beurteilt zu werden. Kunst ist ein Ausdruck dessen, wie eine Person unsere Welt sieht. Ein Weltbild, Emotionen, Gedanken, in eine Form gepresst, die für andere Menschen fassbar wird. Das Innenleben eines Menschen zum Sehen, Anfassen, Verstehen. Letzteres ist uns nicht immer möglich. Wenn wir mit der Welt dieses Menschen beispielsweise nichts anfangen können. Wenn sie uns vielleicht zu düster ist, vielleicht zu hell, vielleicht zu abstrakt.

Das Schöne ist: Wenn wir Kunst eine Chance geben, können wir erkennen, wie andere, fremde Menschen die Welt sehen. Wie sie fühlen, denken, schweigen.

Das Schöne ist: Wenn wir Kunst eine Chance geben, können wir erkennen, wie andere, fremde Menschen die Welt sehen. Wie sie fühlen, denken, schweigen. Durch Kunst können wir uns selbst verstanden fühlen, wenn wir es zulassen. Ohne Kunst wäre unsere Welt eine andere, sie ist das Ventil, das unsere Emotionen teilen kann. Nur durch sie können wir die Welt durch die Augen anderer Menschen sehen.

Genau deswegen darf Kunst kein Wettkampf sein. Sie erfüllt ihren Zweck, selbst wenn sie nur eine Person in der gesamten weiten Welt berührt: den Künstler selbst.

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