Wozu brauchen wir schon Kunst, Literatur, Musik? Über den Verlust der Neugier

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Wir sind eine pragmatische Generation. Eine, die schon in der Schule lernt, dass ein guter Job das ist, was im Leben zählt. Mathe und Wirtschaft sind die Fächer, für die schon die Jüngsten Anerkennung verdienen – bei Kunst und Sport sieht das schon ganz anders aus. Das kann man einfach, oder eben nicht. Keine Sorge, das brauchst du später eh nicht, heißt es dann.

Wir werden in Praktika gedrängt, bevor wir überhaupt wissen, wie unser ganzes Sozialsystem funktioniert. Was du mit Krankenkasse, Bafög und Steuern machen musst, das lernst du schon noch nebenbei. Musst du dich halt informieren. Hauptsache, du hast Berufserfahrung. Der Rest kommt von ganz allein, sagen sie dann.

In der Uni eröffnen sich gedankliche Horizonte, die bisher verschlossen blieben. Hören wir von Menschen, die wir bewundernswert finden, Gedanken, die wir anzweifeln oder verstehen wollen. Aber die Freiheit dazu, zum Träumen, Lesen, Loslassen – die fehlt selbst hier. Schreib gute Noten, mach einen guten Abschluss und denk an die Regelstudienzeit, sagen sie hier. Was willst du mit Kunstgeschichte, Philosophie oder Philologie? Mach etwas Handfestes, sagen sie. Und zwar schnell, also verlier ja keine Zeit.

Kaum sind wir durch diese Jugend gerauscht, stehen wir dann vor der nächsten Herausforderung. Der Job, den wir finden sollen, müssen, wollen? Vor uns mindestens acht Stunden am Tag, an denen wir produktiv sein müssen, vor uns hinarbeiten, Pausen gibt es nur beschränkt, Urlaub sowieso nur dann, wenn es dem Chef gerade passt. Kunst, Musik oder Literatur geraten hier schnell in Vergessenheit, begleiten uns vielleicht mal an unseren dreißig Urlaubstagen im Jahr.

 

Imagine… ?#johnlennonwall #prague #peaceandlove

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Kreativität ist auch eine Art von Intelligenz, Kreativität ist auch eine Leistung – und zwar eine ganz gewaltige. Kunst, Literatur und Musik sind nicht einfach Begleiterscheinungen unseres Seins, sondern das kulturelle Sahnehäubchen unserer Gesellschaft. Wenn wir genau das vernachlässigen, unsere müden Köpfe nur noch durch den überfüllten Facebookfeed hängen, unsere Füße auf den Couchtisch legen und abends den immer gleichen Salat in uns hineinfuttern, bleibt so viel verloren. So viele Gedanken, so viele Dinge, die unser Leben bereichern und uns ausmachen, uns von all den anderen Lebewesen auf unserem Planeten abheben. Wir funktionieren nicht nur, sondern denken und fühlen.

Ich würde mir wünschen, dass genau diese Dinge mehr Anerkennung in unserer Gesellschaft genießen sollen. Dass die mit besonderen Talenten gefördert werden sollen, sie eine Chance bekommen sollen. Und dass all die anderen, die nicht gleich herausstechen, mit einem sicheren Gefühl ausgestattet werden und ihnen die Neugier gelehrt wird. Die Neugier, Neues zu entdecken, Texte verstehen zu wollen, Kunst in sich aufsaugen zu wollen.

Aber wer von einer Aufgabe in die nächste rutscht, von einer großen Erwartung in die nächste gedrängt wird, um dann endlich vierzig Stunden pro Woche produzieren zu können – der wird diese Neugier wohl schnell verdrängen.

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