Montagskolumne: Ganz oder gar nicht

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Ich habe viele Kommentare und Nachrichten zu meinem Post über die fehlende, gegenseitige Toleranz gegenüber Veganern bekommen, die darin immer wieder eines an ihrem Umfeld kritisiert haben: Für alle stünde nämlich fest, wer vegan lebe, müsse es auch vollkommen tun. Ganz oder gar nicht. Wieder aufhören wird verpöhnt und zuhause bei Mutti dann doch die leckere Hausmannskost zu essen – ein unverzeihlicher Faux-Pas.

Doch dieser Gedanke findet sich nicht nur in unserer Ernährungswelt, sondern auch in so vielen anderen Bereichen unseres Lebens. „Ganz oder gar nicht“ heißt es schließlich auch im Studium oder im Job. Denn wer will denn schon nur halb studieren oder unbedingt mit verschiedenen Jobs jonglieren? Um sportlich erfolgreich zu sein, müssen wir laut Fitness-Gurus auf jeden Fall eine Routine entwickeln und diese hundertprozentig durchziehen, regelmäßig trainieren und vor allem niemals aufgeben. Leistung, Erfolg, Anerkennung folgt nur aus „ganz“, ansonsten sollte man es doch am besten gleich beim „gar nicht“ belassen.

Wir pinseln unsere Welt in schwarz-weiß, und unsere Erwartungen gleich mit. Dabei machen doch ausgerechnet die vielen kleinen Farbkleckse unser Gesamtbild aus und erschaffen erst ein Kunstwerk, unser Kunstwerk. Das abgebrochene Studium, der viel zu lange Auslandsaufenthalt ohne ersichtlichen Mehrwert für den beruflichen Werdegang, die viel zu selten genutzte Karte für das Fitnessstudio: All das wird in unserer Gesellschaft nicht anerkannt, denn es spricht gegen unsere Zielstrebigkeit, Disziplin und unseren Ehrgeiz. Dass es aber gleichzeitig auch für Spontanität, Flexibilität und den Mut zu Veränderungen steht, das vergessen wir sehr häufig.

Wir pinseln unsere Welt in schwarz-weiß, und unsere Erwartungen gleich mit.

Wir bekommen immer mehr das Gefühl, unsere Richtung kennen und diesen einen Weg gezielt und mit jeder Menge Ehrgeiz verfolgen zu müssen. Und ja, ich denke, wir brauchen Dinge, die uns am Laufen halten, Antrieb geben, Ziele setzen. All das bringt unsere Gesellschaft zum Laufen, unsere Wirtschaft zum Florieren, unsere Welt zum Entwickeln. Aber diese können sich auch von Tag zu Tag ändern, diese fesseln uns nicht an bestimmte Umstände oder Gewohnheiten und diese können wir vor allen Dingen jeden Tag für uns neu definieren.

Wieso sehen wir unsere Welt immer nur in schwarz weiß? Wieso lenken wir unsere Augen immer auf ein Extrem und blenden die Grautöne einfach so aus? Als wären sie gar nicht da. Als würden sie nichts bedeuten, als wären sie einer Existenz nicht würdig. Dabei gibt es eine ganze Menge Grautöne. Und ich finde, wir sollten ihnen weit mehr Beachtung schenken.
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Bild: via unsplash / Alice Achterhof

2 Comments

  1. Kuno says:

    Ein schönes und so wahres Statement! Ich finde die Assoziation mit der Farbenvielfalt sehr passend. Wirklich toll!

    1. ANNA says:

      Danke, Kuno! :)

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