Montagskolumne: In Zeiten wie diesen (warum ich keine Lust auf Pessimismus habe)

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„Wir freuen uns sehr, dass Sie sich auch in Zeiten wie diesen für den Studiengang der Politkwissenschaften entschieden haben“, begrüßt uns ein Professor in einer unserer ersten Vorlesungen. Ich blinzle kurz, runzle die Stirn. In „Zeiten wie diesen“? Auch der nächste Dozent bezeichnete die Politik zum Einstieg gleich mal als aktuell nicht gerade „angenehmstes“ Studienfach. Als dann im nachmittäglichen Grundkurs – der sich eigentlich mit den alten Griechen beschäftigte – eine Kommilitonin davon spricht, dass wir gerade in der unruhigsten Zeit mit den meisten Auseinandersetzungen überhaupt leben würden, widerspricht auch ihr niemand.

Und ich, als kleiner, naiver Politik-Ersti frage mich tatsächlich, ob ich mein Weltbild noch einmal grundlegend überdenken sollte. Vielleicht bin ich nicht gerade ein pessimistisch eingestellter Mensch, aber mit Watte in den Ohren und verblendeten Augen hatte ich mich bisher auch nicht gesehen.

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Ja, es passieren gerade sehr viele überhaupt nicht schöne Dinge auf dieser Welt. Es sind Menschen an der Macht, die man sich dort wirklich nicht wünscht. Es gibt unfassbar viel Leid und Elend, es gibt Ausbeutung, Armut, Kriege, Flucht, Tod. So unfassbar schlimme Dinge, dass ich sie niemals in einer schlichten Aufzählung wie dieser oder auch in einem gesamten Text nicht einmal im Ansatz darstellen könnte. Aber ich habe nie in der Form darüber nachgedacht, als dass ich unsere Zeit deswegen als besonders schlimm betrachten würde. Wenn ich einen Blick zurück, in die Zeit vor meiner Zeit, werfe, denke ich an sehr, sehr viele schlimme Dinge aus dem Geschichtsunterricht. Und auf einmal frage ich mich, ob ich die ganze Zeit unmerklich eine rosarote Brille getragen habe oder ob sich der Pessimismus in unserer heutigen Welt einfach so schnell durchgesetzt hat, dass ich nichts davon mitbekommen habe.

Ich dachte, die Schwarzmalerei, die ist was für Populisten. Für die, die mit dem Leiden anderer Menschen Stimmung machen wollen. Fakten oder Dokumentationen dagegen sind wichtig, um uns Problemen bewusst zu werden, zu helfen, uns zu engagieren. Aber immer mit dem Gedanken, dass wir etwas tun können. Dass wir Menschen etwas ändern können, dass wir uns nicht einfach Umständen fügen können.

Und genau deswegen habe ich mich doch für diesen Studiengang entschieden. Weil ich daran glaube, dass unsere Welt nicht schlecht ist, sondern dass wir nur zu oft wegschauen. Oder nur hinschauen, wenn es uns gerade passt. Oder einfach nur das glauben, was gerade in unser Weltbild passt. Weil ich verstehen will, was hinter Entscheidungen und Entscheidungen steckt. Weil ich ein Stückchen mitgestalten und verstehen will. Und vielleicht auch, weil mir genau das in unserer Zeit am meisten fehlt: Der Glaube daran, dass wir etwas ändern können.

Fotos: Katja von Amoureuxee

8 Comments

  1. Tabea says:

    Behalt genau diese Haltung!
    Ich sehe das in vielen Punkten ganz genauso wie du, da gab es einige Zeiten die ich als wesentlich schlimmer bezeichnen würde. Und in Geschichte habe ich immer nur so halbwegs gut aufgepasst.
    Natürlich kann ich meine Zeitung aufschlagen und nur die Artikel sehen in denen steht wieviele Menschen sich gerade voller Hass bekämpfen, kann mich darüber aufregen das Instagram so gefaket ist und keiner mehr wählen geht oder gar einer Partei beitritt. Ich kann aber auch meine Zeitung aufschlagen und sehen das es noch nie so wenig Hunger auf der Welt gegeben hat, es so aussieht als wenn ein Heilmittel für HIV auf dem Weg ist, ich kann mich an wunderschönen un inspirierenden Bildern erfreuen und anmerken das sich zwar weniger Menschen in einer Partei einbringen aber dafür immer mehr Jugendliche sich gesellschaftlich/politisch engagieren. Nur eben nicht in einer Partei.
    Ich finde deine meistens kritisch positive Sicht sehr erfrischend und finde das du dir die unbedingt beibehalten sollst. Nicht nur als Ersti. Sondern über das Studium hinaus.
    BTW, studierst du in München an der LMU? Oder hat es dich woanders hinverschlagen? Nur neugierig

    Liebst,
    Tabea

    1. ANNA says:

      Liebe Tabea, wie so alles ist auch das Thema wahrscheinlich grundsätzlich eines der persönlichen Einstellung und Sichtweise. Es freut mich aber auf jeden Fall, dass du in die gleiche Richtung denkst und meine Sicht teilst :)
      Und ja, ich studiere an der LMU ;)
      Ganz liebe Grüße!

  2. Tatjana says:

    Dein Post hat mich ebenfalls zum Nachdenken angeregt.
    Ich denke, dass wir uns – dadurch, dass wir so aufgewachsen sind – auch gar nicht vorstellen können, dass das jetzt die schlimmste Zeit seit langem sein sollte. Obwohl man weiss, dass wahrscheinlich gerade noch viel mehr auf der Welt abgeht, als das, was uns die lieben Nachrichten im Stundentakt mitteilen, ist man sich an seine Lebenssituation gewöhnt & an die damit verbundenen Umstände. Es ist schon krass, zu was wir Menschen alles fähig sind & wie schnell wir uns selbst in den Abgrund stürzen lassen.

    Ich finde es super, dass du dich für dieses Thema interessierst & du dich damit auseinandersetzen möchtest. Oftmals ist es auch die Angst vor der Wahrheit, die uns am Handeln hindert & das müssen wir wirklich ändern! :)

    Danke für deinen Beitrag.
    Ich wünsche dir weiterhin viel Erfolg!

    1. ANNA says:

      Hi Tatjana, der Punkt mit der Angst ist glaube ich sehr entscheidend in dieser Hinsicht und bestimmt auch gar nicht so einfach zu ändern, wie wir das oftmals gerne hätten.
      Danke fürs Lesen und Kommentieren! :)

  3. Caro says:

    Respekt für den Studiengang! Also nicht wegen dem was du oben angesprochen hast, einfach weil ich Politik so kompliziert finde und nach einer Zeit einfach zu anstrengend da dreht mir der Kopf! Aber es ist auch schwer, der Mensch kennt nur das was gerade los ist und hat nichts zum Vergleichen wenn er es nicht selbst erlebt hat, ich denke wir haben eigentlich gar keine so schlimme Zeit, ich meine klar das was passiert ist schlimm, aber immer noch besser als vor 60 Jahren oder? Ich finde wir können uns noch glücklich schätzen! Und behalte deine Einstellung die gefällt mir :D
    Liebe Grüße
    Caro

  4. Mara says:

    Sehe ich auch so! Auch wenn in den Medien und generell überall nur schlechte Stimmung verbreitet wird – ich will mich da einfach nicht anschließen. Ist vielleicht ein bisschen naiv, aber ich denke, wenn man weiterhin möglichst positiv denkt und selbst zumindest in kleinen Stücken etwas tut, kann das doch alles gar nicht so schlimm sein.

    Und die Prüfungsphase überlebst du schon irgendwie :D

  5. Maren says:

    Politikwissenschaften ist ein spannendes Fach und deine Haltung ist vorbildlich. Ich finde diese momentanen Pessimismus und Schwarzmalerei auch höchst fragwürdig. Ich will jetzt nicht zu sehr in die Geschichte eingehen, aber Kriege und unruhige politische Beziehungen gibt es doch leider nicht erst seit kurzem.

    Viele Grüße
    Maren von http://www.lovelybees.net

  6. 2016 (Ein Jahresrückblick und Zukunftsgedanken) | ANNA-E says:

    […] „In Zeiten wie diesen (warum ich keine Lust auf Pessimismus habe)“ „Wird unsere Welt immer skrupelloser – oder sind es wir?“ […]

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