MONTAGSKOLUMNE: Wieso lassen wir uns eigentlich so gerne belügen?

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Eigentlich mochte ich Zuckerwatte noch nie. Viel zu süß, künstlich, pappig. Zuckerwatte ist nur Zucker, der ein bisschen verändert wird, aufgebauscht, groß gemacht. Dazu kommt noch ein bisschen Farbstoff, und schon ist die Freude groß. Aber Zuckerwatte ist auch gefährlich. Klar, nicht die, die man auf dem Jahrmarkt isst. Aber die, die wir uns täglich in unseren Köpfen zusammen spinnen, die an in unseren Gehirnwindungen festklebt und alles verstopft.

Das passiert nämlich genau dann, wenn wir Lügen in unseren Kopf lassen. Und wenn wir solche Lügen glauben, ohne zu zögern. Und wenn sich dann noch Angst untermischt, dann ist die Zuckerwatte perfekt. Klebrig und zäh.

Gab es nicht einmal eine Zeit, in der wir Fakten sehen, Beweise erklärt bekommen, wahre Geschichten hören wollten? Heute geben wir uns mit weniger zufrieden. Wir lassen wir uns immer mehr einlullen, in ein Bett aus Lügen, in ein Theater voller schlechter Schauspieler, in eine Scheinwelt, die wir nur zu gerne annehmen. In dieser regiert Angst, nicht Freiheit. Lügen ist salonfähig geworden, für Belege und Fakten reicht die Zeit nicht.

Worauf ich anspiele? Ja, natürlich, auch auf die Politik, auf die Masse an hetzenden Gedanken,  in unserem Land, und in anderen Bereichen unserer Welt. Da gehen Teile Deutschlands wählen und es muss darüber diskutiert werden, dass eine Partei Stimmen gewinnt, die sich ihre Fakten aus den Fingern saugt und mit den tiefsten Ängsten der Menschen spielt. Ängste ernst nehmen, heißt das dann. Und die Lügen, die verbreitet die Presse, ist ja klar. Tunnelblick, Verallgemeinern, beliebte Methoden im Kampf gegen die Wahrheit. Misstrauen sähen, Leute gegeneinander aufhetzen: Das funktioniert irgendwie besser, als es sollte.

Aber das spielt sich nicht nur in der politischen Welt ab, auch unseren Alltag lassen wir durch Lügen bestimmen. Blenden aus, wenn es um die Herkunft unseres Essens geht, den Müll, den wir produzieren, die Kleidung, die wir kaufen, all die Dinge, bei denen wir nicht einmal mit den Hauch eines schlechten Gewissens in uns fühlen. Solange wir nicht zu genau hinsehen ist alles gut. Es ist so viel einfacher, sich die Welt so zu machen, wie sie einem gefällt. Und als Streben zum Glück auch nicht verwerflich. Aber wer Wahrheit ausblendet, blendet damit im gleichen Moment andere Menschen, andere Leben, andere Individuen und deren Gefühle aus. Und Glück sollte doch nicht darauf fußen, oder?

Ich las letztens die Aussage eines offensichtlichen Rechtspopulisten, der sagte: Wahrheit ist eben das, was die Menschen fühlen. Das klingt auch erst einmal sehr poetisch. Aber eigentlich ist all das doch nur vorgegaukelte Poesie, der Matsch, mit dem unser Verstand ausgewaschen wird, unerkennbar gemacht. Wisst ihr, ich dachte eigentlich immer, Wahrheit, das wären Fakten, Belege – und das andere schlichtweg subjektive Ansichten. Klar, Emotionen sind real, echt, selbstverständlich spürbar. Aber sie sind niemals zu verwechseln mit der echten Wahrheit, die mit Fakten belegt werden kann.

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Wenn ich als kleines Mädchen nachts in meinem Bett lag und dachte, da sitzt ein Monster unter meinem Bett – dann war meine Angst echt. Aber: Das Monster da unten ist nie verschwunden, indem ich angefangen habe, es größer zu machen als es ist, es mit Hass zu übersehen oder mir aus meiner Decke eine Mauer gebaut habe und mich dort in meiner Angst verkrochen habe. Ich kann euch sagen, das hat die Angst noch viel größer gemacht.

Das Monster und damit auch die Angst, sind erst dann verschwunden, als mein Papa kam und mit der Taschenlampe unter das Bett geleuchtet hat. Wenn er gesagt hat: „Siehst du, da ist gar kein Monster.“ Wenn ich nur ganz kurz die Augen zusammengekniffen habe und dann mit pochendem Herzen unter das Bett gesehen habe, der Wahrheit ins Gesicht.

Aber so einfach ist es im echten Leben oft nicht. Im echten Leben, da erschaffen wir uns unsere eigene rosa Welt aus Zuckerwatte und bauen uns Sprungtücher aus weichen Federn. Damit wir nicht fallen, und wenn, dann weich.

Und doch frage ich  mich: Wieso lassen wir uns so gerne belügen? Wieso lassen wir uns weiß machen, die Welt bleibt stehen, wenn sie sich in Wahrheit immer weiter dreht? Und wieso bleiben wir selbst oft stehen, weil uns von Mauern erzählt wird, die da gar nicht sind? Wieso lassen wir uns so gerne belügen?
Was mir Angst macht ist gar nicht, dass immer mehr Menschen in unserer Mitte dazu neigen, Lügen zu erzählen – was mir Angst macht ist, dass wir sie einfach so glauben. Ohne nachzuprüfen, ohne zu hinterfragen. Was mir Angst macht, ist, dass das mit dem Lügenerzählen funktioniert. Dass die Zuckerwatte sich ausbreitet wie ein rosa Geschwür, in unseren Köpfen und Herzen.

Ja, die Wahrheit ist manchmal so komplex und kompliziert, dass sie uns überfordert. Dass wir eigentlich gar nicht richtig hinhören können, weil sie uns verängstigt, schmerzt, uns die Luft zum Atmen nimmt. Aber ohne sie wären wir gefangen in einem Konstrukt aus Lügen. Und egal wie stabil das gerade erscheint, egal wie stark es dich zu machen scheint – irgendwann wird es unter der Last zusammenbrechen.

Fotos: Martin Stier

3 Comments

  1. Mara says:

    Dem Kürbis musst du echt uuuunbedingt nochmal eine zweite Chance geben! :D
    Vor allem schmeckt man ihn beim Backen auch gar nicht so sehr raus; er gibt zum Beispiel den Donuts einfach nur eine leicht nussige Note! :)

    Und mal wieder kann ich deinem Text nur zustimmen! Ich finde es auch schrecklich, wie viele Menschen lieber die Augen vor der Wahrheit verschließen, anstatt sich damit auseinanderzusetzen!

  2. Caroline says:

    Warum wir uns selbst so gerne belügen und belügen lassen? Ganz einfach weil es somit doch viel einfacher ist und wir ein reines Gewissen haben. Ist doch einfacher als sich dann dem allem zu stellen! Was glauben wir nicht noch alles für viele Lügen, das Magazin The Fernweh was neu ist von Belka und STrelka hatte in der letzten Ausgabe über die ganzen Regenwald Lügen aufgeklärt und das ja dass Bio Benzin gar nicht so Bio ist aber wir das gerne glauben weil man sich besser fühlt. Und übrigens mit dem Hass ausnutzen und genau das sagen was die Leute hören wollen in solchen Situationen hat Hitler ausgenutzt damals, vielleicht krasser Vergleich, aber es ist wahr wenn man zurückguckt und vergleicht.

    1. ANNA says:

      Hallo liebe Caroline! :) Das mit dem Bio-Benzin finde ich ein sehr gutes Beispiel, da wir hier immer ganz leicht unser Gewissen befriedigen können. Bei deinem zweiten Vergleich kann ich sehr gut verstehen, was du damit sagen möchtest – die Parallele zu aktuellen politischen Vorgängen würde ich hier so aber auf keinen Fall ziehen. Denn das ist, wie du sagst, ein ziemlich „krasser“ Vergleich.
      Danke für deinen Kommentar!

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