Personal: Die erste Nacht im Camper (von der wir dachten, es würde die letzte werden)

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Montagmorgen: Freudestrahlend verlassen wir unser geliebtes Hostel, kaufen unserer Meinung nach wichtige Campingausrüstung (Kekse und Schokolade) und warten anschließend bei schlechtem Kaffee auf unseren Camper. Nachdem wir uns noch einmal ein paar Dollar für Steinschlag- und Reifenversicherungen sowie ein Navi haben abquatschen lassen, stiegen wir ein. Dann der erste Schock: Von der linken Seite strahlt mir ein riesiger Schaltknüppel entgegen. Freunde und Bekannte hatten uns gesagt, das Fahren auf der linken Straßenseite sei gar nicht so schlimm – vorausgesetzt, man hat ein automatisches Getriebe. Mit zusammengebissenen Zähnen, verkrampften Handgelenken und in Falten gelegter Stirn ruckelten wir also auf die Straße. Kreisverkehr, links, rechts, irgendwo – und ehe ich mich versah, waren wir auch schon auf der Autobahn. Das einzige Problem: Jeder Versuch, in einen höheren Gang als den dritten zu schalten, scheiterte kläglich mit einem unschönen Brummen. Die erste Stunde fuhr ich also stets im dritten Gang und verbrauchte damit schon einmal die Hälfte unserer Tankladung. Nach unserer ersten Rast wussten wir beide nicht recht, ob das mit dem dreimonatigen Roadtrip wirklich so klappen würde, wie wir uns das vorgestellt hatten.

Frisch gestärkt machten wir uns aber trotzdem wieder auf den Weg: Mutig beschleunigte ich. Und da war er, der vierte Gang. Ein paar Kilometer weiter dann der Freudenschrei, als sogar der fünfte einrastete.

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Abends kamen wir schließlich dort an, wo wir unsere erste Nacht verbringen wollten: Augenscheinlich ein Parkplatz zwischen einem Rugbyfeld und einem Bowlingclub, in dem einige ältere Leute fleißig ihre Kugeln hin und her schoben. Laut einem netten Bewohner dürften wir hier auch auf jeden Fall campen, schließlich kämen hier täglich “tausende von Leuten” her und würden ihre Zelte aufschlagen. Komischerweise sahen wir kein einziges Zelt, geschweige denn einen Camper.

Wir beide, nach dieser Fahrt nur noch physisch am Leben, aber mental ziemlich am Ende, motivierten uns gegenseitig, auszusteigen. Als das gelungen war, versuchte ich unseren etwas fragwürdig aussehenden Gasherd zum Leuchten zu bringen und J. stellte zwischenzeitlich unsere zwei klapprigen Campingstühle und den überdimensionalen Campingtisch mitten auf dem wunderschönen (und leeren) Parkplatz auf. Gefühlte drei Stunden später waren die Nudeln halbwegs gar. Ich frage mich übrigens immer noch, wie das möglich war, da das Nudelwasser zu keinem Zeitpunkt wirklich gekocht hatte…

Noch nie in unserem Leben haben einfache, halb rohe Nudeln mit Tomatensoße aus dem Glas so gut geschmeckt, wie an jenem Abend. Gesättigt und wieder etwas lebendiger, spülten wir unser Geschirr in einem von seltsamen, schwarzen Tierchen bevölkerten Klo ab und putzten uns um 9 Uhr abends schon einmal die Zähne. Anschließend wollten wir nur schnell unser Bett aufbauen und ganz schnell schlafen.

Doch so einfach war das leider nicht: Mitten in unserem Van befindet sich nämlich ein kleiner Tisch, den man laut der Dame aus dem Camperverleih ganz einfach einklappen und dann schnell ein paar Bretter und eine Matratze darüber legen kann. Nachdem wir eine Dreiviertelstunde ohne irgendeinen ersichtlichen Effekt sämtliche Schrauben an diesem Tisch gedreht und gewendet hatten, hörten wir mit einem synchronen Verzweiflungschrei auf. Im Halbschlaf bauten wir die vorhandenen Decken und Matratzen irgendwie umd den Tisch herum auf und quetschten uns rechts und links daneben. Meine rechte Körperhälfte lag dabei in dem Loch, das der Tisch in der Mitte freistellte und J. klebte mit mit einer Wange an dem Seitenfenster. Ich schlief trotzdem relativ schnell ein, bis ich von ein paar Lichtern geblendet und ein Auto näher kommen hörte.

J. saß schon kerzengerade im Bett und starrte mit weit aufgerissenen Augen aus dem Fenster. Die nächste halbe Stunde verbrachten wir mit angehaltenem Atem damit, vier potentiellen Mördern, Vergewaltigern oder Drogendealern dabei zuzusehen, wie sie seltsame Ware aus ihrem Auto ausluden.

Irgendwann beschloss ich allerdings, dass das sicher nur vier harmlose Backpacker waren, die hier ihr Zelt für die Nacht aufschlugen, und legte mich wieder hin. Als ich wieder in dem Loch versank, regte sich in mir sogar die Hoffnung, dass es vier starke Jungs waren, die morgen unseren Tisch abbauen konnten. J’s Beobachtungen zu Folge, fuhren sie sowieso mitten in der Nacht wieder weg- nachdem sie zwei Stunden lang in einem Busch versteckt irgendwelche mysteriösen Dinge gemacht hatten. Das Ganze wurde übrigens stets von einem unbeschreiblichen Platzregegen begleitet, der unfassbar laut und monoton auf unser Dach regnete. Ach ja, an meiner Seite war der Van übrigens undicht und ich musste Stunde für Stunde immer weiter Richtung Mitte (und damit Richtung Loch) rutschen.

Wir schliefen in dieser Nacht nicht viel. Als wir aufwachten, war es stickig heiß, das Bett durchnässt unsere Augenringe wagten wir gar nicht anzusehen. Als ich es schaffte, die Tür des Campers kraftvoll aufzuschieben, kam mir angenehm kühle und frische Luft entgegen. Außerdem entdeckte ich das Auto von letzter Nacht und erkannte einen blonden Jungen in der Fahrerkabine. Sofort veränderte sich ihr Status von potentiellen Verbrechern zu potentiellen Supermechanikern und wir saßen ungeduldig die Zeit ab, bis auch der Rest der Gruppe aus dem Busch gekrochen kam. Sofort sprachen wir sie an und fragten, ob sie unseren Tisch einklappen konnten. Unsere Hemmschwelle für peinliche Fragen war nach dieser Nacht sehr stark gesunken.

Auch sie schraubten etwas rum, murmelten etwas von einer harten Nacht im Zelt und gaben dann auch ziemlich schnell wieder auf. “Na, toll!”, dachten wir uns, “Danke trotzdem”, sagten wir. Unsere Manieren waren schließlich noch nicht ganz unter dem Einbautisch versunken.

Kurz darauf fragte uns einer der Jungs, ob wir nicht abends noch etwas mit ihnen trinken gehen wollten – wir lehnten ab, denn dann waren wir schon auf dem Weg gen Norden. Und das im fünften Gang.

7 Comments

  1. Mara says:

    Oh man, ich liebe deine Posts über eure Zeit in Neuseeland einfach!
    Sooo verdammt genial geschrieben! :D
    Und plötzlich links fahren zu müssen stelle ich mir grauenvoll vor – ich glaube, da wäre ich gleich schon mal komplett überfordert!
    Ein paar Freunde von mir waren nach dem Abi dort auch mit einem Auto unterwegs, allerdings zu viert in einem für zwei Personen. DAS stelle ich mir auch nicht unbedingt gemütlich vor :D

    Liebe Grüße & euch noch gaaaanz viel Spaß (und erholsamere Nächte!)

  2. Julia says:

    Ich muss mich Mara anschließen, deine Neuseeland Posts sind einfach fabelhaft und ich fühle mit dir!
    Ich hoffe, dass sich die nächsten paar Nächte etwas angenehmer werden und freue mich auf mehr Berichte :)

    Liebe Grüße,
    Julia von Juliary

  3. Caroline says:

    Achja schön da sprichst du mir aus der Seele, noch vor einem halben Jahr erging es uns ähnlich! Camperleben ist aufregend glaub mir. Wir haben einen nicht ganz so stylischen Camper gehabt, nur den typischen Estima, aber wir hatten nicht solche Luxusprobleme mit dem Tisch, ist schon ein bisschen doof :D
    Aber glaubt mir man gewöhnt sich an alles. Irgendwann werdet ihr nicht mehr von jedem Auto wach, irgendwann hört ihr den Regen nicht mehr, irgendwann macht auch das draußen Kochen sogar Spaß! Eigentlich ist es gar nicht so schlimm rückblickend, nur der Anfang der ist meist holprig, wir hatten auch genug durch, ich weiß genau wie du dich fühlst. Als wir das erste Mal gekocht haben, genau wie bei euch totale katastrophe an meinem Geburtstag auch noch, habe ich nie gedacht, dass wir das durchhalten werden. Aber locker! Man gewöhnt sich ans Camperleben. Und findet es letztendlich sogar toll, vorallem mit den richtigen Leuten glaubt mir. Außerdem gibt es ja auch noch Campingplätze wo man bezahlen kann da hat man ein wenig mehr Luxus! :) Oder ihr kriegt total überfüllte Plätze ab, aber ihr seid genau in der Zeit danach, ich schätze ihr erlebt das nicht mehr so mit, es gab auch Nächte da stand man eng an eng mit seinem Nachbar und wusste nicht wie man rauskommt .. durch den Kofferraum war dann der einzige Weg! Achso hilfreiche App ist Campermate, aber die habt ihr sicherlich schon was? Seid ihr eigentlich ein Self contained oder non self contained Fahrzeug? Ach und damit man nicht das Datenvolumen für Navigation bei Google Maps benutzen muss gibt es die App Here, damit kamen wir ein halbes Jahr klar! :) Viel Spaß weiterhin, wenn ihr Fragen habt könnt ihr mich fragen wenn ihr wollt :)

  4. Krissisophie says:

    Oh je, das war wohl keine so erholsame Nacht :D Aber ihr habt was erlebt, was ihr nicht mehr vergessen werdet – ist doch super! :)
    Ganz liebe Grüße,
    Krissisophie von the marquise diamond
    http://themarquisediamond.de/

  5. 21 Fakten über mich (Travel Edition) – Anna-E says:

    […] Beispiel „Typisch deutsch (oder wie du in einem Hostel Freunde findest)“ oder der über unsere erste Nacht im Camper. Genauso aber auch Kommentare, Kolumnen oder persönliche Statements, zum Beispiel zu den […]

  6. "Ach, du warst also auch in Australien…?" | ANNA-E says:

    […] habe zwei Monate in dem Camper gelebt, ohne irgendwelchen Luxus oder Glamour, sondern teilweise im Dreck, im regennassen Bett geschlafen, […]

  7. Cape Reinga – Am nördlichsten Punkt von Neuseeland says:

    […] hatten wir unseren Camper einigermaßen unter Kontrolle (alle anfänglichen Schwierigkeiten könnt ihr hier nachlesen), fuhren wir sehr weit Richtung Norden. Unser Ziel: Cape Reinga, der nördlichste Punkt von […]

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