Personal: Heimkommen (wie es ist, wieder in der Gegenwart zu leben)

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Wisst ihr, an was ich mich in den drei Monaten einfach nicht gewöhnen konnte? Die Zeitverschiebung. Die Australier sind uns Deutschen zeitlich immer acht Stunden voraus – in Neuseeland beträgt der Unterschied sogar ganze zwölf Stunden. Verwirrend daran ist nicht nur, dass dort für uns Tag war, während unsere Freunde in Deutschland tief und fest geschlafen haben. Am seltsamsten fand ich persönlich eher den Gedanken, dass wir dadurch ja irgendwie in der Zukunft lebten – oder unsere Freunde eben in der Vergangenheit. Ein bisschen abgedrehte Gehirnakrobatik, ich weiß.

heimkommen-sammySeit Dienstag bin ich jetzt also wieder zuhause, in der Gegenwart angelangt. Nach 21 Stunden im Flugzeug, (zu) viel Flugzeugessen und circa fünf Filmen später, tauchten unter uns die ersten grünen Wiesen und kleinen Häuser auf. Nach und nach erkannte man aus dem kleinen Flugzeugfenster heraus immer mehr und auf unseren Gesichtern breitet sich ganz automatisch ein unkontrollierbares Grinsen auf.

Ja, ich habe damit gerechnet, dass es wunderschön ist wieder zuhause anzukommen. Allerdings dachte ich, all das bezieht sich vor allem auf die Menschen und den eigenen Alltag. Als wir aber im Landeanflug über meiner Heimat waren, habe ich gemerkt, dass da ein ganz großes Gefühl dahintersteckt, das ich so bisher noch gar nicht kannte.

Ein Pärchen führt neben mir ein angeregtes Gespräch auf deutsch, der Beamte am Schalter reißt einen bayrischen Witz oder im Radio läuft plötzlich Bosse.Wir fahren auf die Autobahn (auf der rechten Seite!) und ich habe das Gefühl zu fliegen. Ich kann Butterbrezen und Leberkassemmeln beim Bäcker kaufen. Die Form der Straßenschilder, die gepflegten Gärten, die immer gleichen Briefkästen wiedererkennen. Mit unserem Hund genau den selben Weg gehen, den ich schon hundertmal gegangen bin. Leute zu erkennen, zu grüßen, sich mit ihnen zu unterhalten. Allein der Geruch nach Frühling, der hier in der Luft liegt.

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All die Sachen habe ich nie bewusst vermisst, wegen ihnen habe ich mich nicht danach gesehnt, wieder nach Hause zu kommen. Aber obwohl sie nur so klein sind, teilweise ganz nebenbei passieren, formen sie zusammen dieses große Ganze. Dinge wieder zu erkennen, die das ganze Leben lang selbstverständlich waren.

Gleichzeitig ist es, als wäre ich aus einer aufregenden, bis oben hin gefüllten Blase dorthin zurück geprallt, wo ich vor einem halben Jahr schon war. Immerhin war ich so lange weg, dass es sich fast schon angefühlt hatte wie ein ganz neuer Abschnitt, den ich beginne. Wie etwas, das alles irgendwie anders macht. Das hat es auch – irgendwie. Und trotzdem ist alles noch genauso wie davor.  Gerade habe ich nur keine Ahnung, ob das jetzt etwas Gutes ist oder nicht.

Ich denke einfach, dass das Reisen – das Aufbrechen und das Ankommen – dir die unendliche Weite deiner Möglichkeiten zeigt, was alles in dir steckt und wieviel das Leben für dich bereit halten kann. Genauso aber auch, dass es zuhause einen Platz gibt, an dem du immer willkommen bist und der dein Ausgangspunkt für all das sein kann. Die Kunst ist es wahrscheinlich, all das zu vereinen und mitzunehmen – nicht nur auf Reisen, sondern auch auf dein Leben.

5 Comments

  1. Steffi says:

    Hallo Anna,
    wunderschön geschrieben! Ich habe oft in meinem Leben längere Zeit im Ausland gelebt und kann deiner Beschreibung nur zustimmen. Diese Gefühl zu Hause zu sein, im vertrauen Geruch, der Sprache, das Fliegen auf der Straße – und gleichzeitig dieses Ausprobieren oder Zeigen können, wer man sonst noch ist, außerhalb der heimatlichen Zwänge. Das bringst du sehr schön auf den Punkt! Danke.
    Freu mich darauf mehr von dir zu lesen.
    Liebe Grüße
    Steffi

  2. Jean says:

    Hallo Anna,
    die Bilder sind so goldig! Und dein Text wieder mal richtig klasse. Das wünsche ich mir auch immer für alle, dass sie gern zurück nach Hause kommen, obwohl das Reisen natürlich auch etwas ganz Tolles ist <3 Willkommen zurück!
    Liebe Grüße, Jean
    http://jean-abovetheclouds.com

  3. Mara says:

    Ahh, dann wilkommen zurück, Anna! :)
    Wieder mal ein wunderbarer Text, ich lese die so gerne bei dir!
    Und genauso ging es mir nach Kanada auch, obwohl ich da ja viel kürzer war als du in Neuseeland und Australien. Auf der einen Seite habe ich dieses Gefühl von Freiheit und den Entdeckerdrang sofort vermisst, auf der anderen war ich aber froh, wieder daheim zu sein und einfach wieder ins gewohnte Leben zu starten!

    Liebe Grüße :)

  4. Lisa says:

    Hallo Anna,
    du sprichst mir wirklich aus der Seele. Ich bin gerade am Ende meines Auslandsaufenthaltes angelangt und habe drei Wochen Abenteuerreise einfach mal sausen lassen, um früher wieder heimzukommen. Weil ich meine Familie vermisse? Nicht die Bohne, die waren alle gerade erst hier und haben mich besucht. Dafür aber vermisse ich meinen Dialekt, meine Brezen, das mitunter doch eher feuchte Klima (verglichen mit Spanien), die Ordnung, die staubfreien Straßen, die Ruhe, das viele Grün, … Ich könnte diese Liste wohl ewig weiterführen, aber kurz gesagt: Ich vermisse es, heimzukommen. Und deshalb will ich lieber drei Wochen in der Heimat verbringen, wandern gehen und einfach mal die Seele baumeln lassen, anstatt noch mehr Aufregendes zu sehen. Dafür bleibt immer noch Zeit, wenn mein Herz wieder nach der Ferne schreit. Ja, so ein längerer Auslandsaufenthalt macht doch wirklich erst bewusst, was man so alles zuhause hat und gar nicht mehr richtig wahrnimmt. Darüber werde ich ganz sicher auch auf meinem Blog schreiben müssen, als Teil dieser einzigartigen Auslandserfahrung.
    Danke für deinen schönen Beitrag!

    1. ANNA says:

      Liebe Lisa, ich weiß genau was du meinst <3 Freue mich schon auf deinen Beitrag!

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