Personal: Ich liebe Mode. Aber um welchen Preis?

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Für mich hat es in den letzten Wochen ein paar Mal ganz laut „klick“ gemacht. In meinem Kopf, in meinem Bauch, in meinem Herzen. Die Liste der Posts und Videos in meinem Feed zu Slow Fashion, Fairer Mode und Nachhaltigkeit in der Branche ist immer länger geworden und doch stets an mir vorbei gegangen. Aber letztens lies ich mich doch darauf ein. Klickte nicht gleich weiter, beschäftigte mich mit dem Thema. Wollte wissen, ob unsere Modewelt denn wirklich so grausam ist und was eigentlich ganz genau die Probleme der Branche sind. Klar, oberflächlich wusste ich das auch – aber unter die Oberfläche, da habe ich mich nie getraut zu sehen. Denn, ich liebe Mode. Und ich hatte Angst davor, was ich über sie erfahren würde.

Ich las also Artikel, viele Artikel, gute Artikel, schlechte Artikel, aufreibende Artikel, überspitzte Artikel, ausgiebig recherchierte Artikel. Ich sah mir Videos auf Youtube und Vimeo an und sicherte mir sogar einen Netflix-Probemonat, um mir die Doku „The true cost“ anzusehen. Eine Dokumentation über die Fashionindustrie, die mich wirklich erschaudern lies.

Ich las und sah so viel über die großen Ketten der sogenannten Fast-Fashion-Industrie, die im Jahr statt einer Sommer- und einer Winterkollektion auf einmal fast 50 verschiedene hervorbringen. Immer neue Ware, immer größere Auswahl, immer billigere Preise und dabei eine Ausbeutung der Arbeitskräfte, die für mich unvorstellbar scheint. Dass Arbeit so unfassbar schlecht entlohnt wird, dass sich Menschen für ihren Job täglich großen gesundheitlichen Gefahren aussetzen, dass Mütter keine Chance haben, sich um ihre Kinder zu kümmern. Hinzu kommt für mich auch noch, dass auch Marken, bei denen ich sogar mehr Geld ausgebe und das Gefühl habe, mir etwas Kostbares zu leisten – die gleichen billigen, chemieverseuchten Stoffe verwenden, die auch billigere Hersteller benutzen.

Und ich bin mir sicher: Fast jeder, der jetzt sagt, das habe er doch alles schon mal gehört – der hat, wie ich auch, davor einfach niemals genau hingehört.

Auf einmal sehe ich mit einem schlechtem Gewissen, einem furchtbaren Gefühl im Bauch auf die Lederhandtasche, die ich mir erspart und die ich mit Stolz getragen habe. Mein neues, gar nicht so billiges Lieblingsshirt, in dessen Etikett ich „Made in Bangladesh“ lese.

Mit einem Schlag fühle ich mich naiv und weltfremd, konsumblind und realitätsverweigernd. Als hätte ich die letzten Jahre auf dem Mond verbracht, in einer rosaroten Blase, die nichts Schlimmes hineinlässt. Ich liebe Mode, ja. Aber um welchen Preis?

Ich möchte nicht Teil sein einer Welt, die mit Scheuklappen vor den Augen ausschließlich der Gier nach Konsum hinterherrennt. Die wegsieht, wenn es um die Geschichten und die Gesichter hinter ihrer Kleidung geht. Denn auch wenn diese meilenweit entfernt wohnen, in Bangladesh, China oder wo auch immer – sie gehen uns etwas an. Ganz gewaltig sogar. Denn an der Kleidung, die wir jeden Tag tragen, die wir gedankenlos tragen, ohne Bewusstsein und Wertschätzung, hängt für diese Menschen eine ganze Menge. Ihr Leben, häufig noch das ihrer Kinder. Ja, es ist oft ganz leicht, das zu verdrängen, wenn einen die Sale-Hormone packen oder die Augen bei der riesigen Schuhauswahl im Schaufenster zu leuchten anfangen.

Ich habe für mich selbst ein Ziel gesetzt, das für viele zwar sehr klein wirken mag, für mich aber schon mal ein hoffentlich erster Schritt in eine bessere Richtung ist. Eigentlich ganz simpel – und trotzdem gar nicht so selbstverständlich, wie man vielleicht vermuten könnte:

Ich möchte bewusster kaufen. Nicht mal eben in der Mittagspause bei H&M gleich drei T-Shirts mitnehmen, weil „für 4.99 Euro kann man ja nichts falsch machen“. Nicht bei Zara die Kassen klingeln lassen, weil gerade Sale ist und ich ja so viele tolle Schnäppchen finde. Sondern nachdenken, bevor ich investiere. Vor allem bei Basics zu Marken greifen, die nachhaltig und fair produzieren – und hier gibt es mittlerweile wirklich ein so großes Spektrum an Angeboten, das überhaupt nicht nach „öko“ aussieht. Auch das wusste ich vorher nicht. Nachlesen, schlau machen, mir über das, was ich kaufe, bewusst sein bevor ich auf den Einkaufskorb klicke. Recherchieren, wer hinter der Kleidung steckt, die ich trage, wie sie produziert wurde, welche Materialien verwendet wurden. Ich bin mir sicher, dass allein das Gefühl, dieses neue Kleidungsstück dann in den Händen zu halten, das alles vollkommen wert ist. Ich werde mich mehr über die Hintergründe der Marken recherchieren – und euch bestimmt auch das ein oder andere Mal daran teilhaben lassen. Das ist ein persönliches Experiment und ich hoffe, es gelingt mir.

Schreibt mir doch gerne, wenn ihr ähnliche Gedanken oder hilfreiche Tipps für mich habt. 

11 Comments

  1. Johanna says:

    Wow toller Beitrag! <3 ich muss mich auch intensiver damit auseinander setzen.

    Liebe Grüße
    Johanna von http://www.missrapunzel.com/

    1. ANNA says:

      Danke Johanna! :)

  2. Kim says:

    Zu dem Thema würden mich Empfehlungen zu entsprechenden Herstellern und Shops sehr interessieren. Damit hab ich mich auch schon viel auseinandergesetzt, eben diese Reportage aufgesogen und Ausstellungen zum Thema besucht. Leider fühle ich mich aber noch immer so, als würde ich nur an der Oberfläche kratzen.

    1. ANNA says:

      Hallo liebe Kim :) So geht es mir auch noch, sobald ich mich aber wirklich tiefer in das Ganze gegraben habe, werde ich euch hier auf jeden Fall mit Herstellern, Shops und Produkten versorgen. Ganz liebe Grüße!

  3. Patricia says:

    Ich denke schon so lange über dieses Thema nach. Wahrscheinlich schon seit dem letzten Jahr, als ich mit meiner Shopping Challenge angefangen habe. Letztes Jahr habe ich nichts geshoppt und war wirklich zufrieden mit allem was ich hatte, mir fehlte es an nichts. Nur fällt einem in einer 8 monatigen Shopping Verbots Phase auf, dass Shirts von ZARA nicht so belastbar sind, wie andere für die ich 50 anstatt 5 Euro bezahlt habe. Erst gestern war ich wieder bei ZARA um mir einen Perlenpullover zu holen, der schon seit dem letzten Jahr auf meiner Wunschliste steht, den es so, wie ich es mir vorstellte, aber nie in den Geschäften gab. Ich habe ihn mitgenommen und fühle mich wieder etwas schlecht, weil ich weiß, wo er produziert wurde. Dabei hatte ich noch vor 4 Wochen gesagt, ich mach mir so einen Perlen Pulli einfach selbst. Aus einem guten Cashmere Pullover und Perlen. Man muss sich eingestehen, dass unsere Generation irgendwie mit dem Massenkonsum Erwachsen geworden ist und auch, dass dieser Massenkonsum langsam sein Gesicht verliert und immer mehr Leute auf weniger aber besser Artikel aus sind. Ich glaube das Blatt wendet sich immer mehr zur Nachhaltigkeit, wir wollen wissen wo unsere Sachen herkommen egal ob Bluse, Socken, Saft oder Gemüse. Ich liebe hier und da meine Luxus Inesvtitionen, eine Handgefertigte Chanel und kaufe Bio oder auf dem Wochenmarkt und fühle mich schlecht, wenn ich bei ZARA ein Basic Shirt mitnehme. Aber, ich glaube, wir sind auch viel zu verwöhnt, was die Preise angeht. Es ist einfach nicht normal, für 4€ ein Shirt zu kaufen oder eben von Primark für 10€ Schuhe. Ich meine, ich habe mir vor kurzem Spitzenstoff aus Paris für 70€ den Meter gekauft, um mir was eigenes zu nähen und sehe bei ZARA Spitzenoberteile für 15€. Einfach gruselig.

    Was ich damit sagen will? Du hast einen tollen Beitrag geschrieben, Es sollten viel mehr Leute darüber nachdenken und ich finde deinen Anstoß dazu wunderbar. Vielleicht sollte ich mich auch noch mal mit faireren Marken auseinandersetzten.

    Bisous aus Berlin, deine Patricia
    THEVOGUEVOYAGE by Patricia Petite

    1. ANNA says:

      Danke liebe Patricia! Ja, ich hoffe, dass ich einigen anderen Menschen und auch mir selbst mit diesen Worten einen Anstoß für einen bewussteren Umgang mit Mode geben kann. Ganz liebe Grüße nach Berlin :)

  4. Meike says:

    Liebe Anna E, ich bin begeistert! Was für ein toller Blog, was für tolle Texte. Man liest sie total gerne, weil sie klug und sehr ehrlich sind. Viel zu wenige machen sich Gedanken über die Dinge, die du ansprichst. Die Doku muss ich mir jetzt auch unbedingt anschauen, ich habe gerade auch noch einen Netflix-Probemonat. Aber ehrlich gestanden: ich habe auch schon etwas Angst davor, was ich da so erfahren werde… aber wie du auch schon im anderen Text geschrieben hast: man muss der Wahrheit ins Auge schauen und sich damit auseinandersetzen.
    <3
    Meike

    1. ANNA says:

      Danke liebe Meike! :) Ja, ich finde, erst wenn man sich mit dem Thema auseinandersetzt, kann man urteilen und sich persönlich entscheiden.
      Ganz liebe Grüße <3

  5. Tabea Jodeit says:

    Hey Anna,

    seit Jahren lese ich deinen Blog. Durch meinen Auslandaufenthalt in Uganda jetzt aber immer vieles aufeinmal. Wenn eben das Internet geht. Und obwohl du schon immer ganz oben warst. Mit dem Post hast du dich nach ganz oben auf der Lieblingsblogger Liste geschlichen.
    Das Thema liegt mir schon länger am Herzen, seitdem ich hier die Massen unserer ausrangierten Kleidung auf den Märkten sehr sogar nochmehr. Gerne kann ich dir Blogs die sich mit dem Thema befassen sowie Modelabel und Shoppingalternativen vorschlagen. Falls du gerne noch weiter dazu schreiben möchtest auch mit Background verpflegen.
    Für den Anfang, stöber dochmal durch den Avocadostore (www.avocadostore.de) und guck bei den Mädels von Subvoyage (www.subvoyage.de) vorbei. Es gibt ganz viele Menschen die ganz toll dazu schreiben, und noch viel mehr Menschen die faire, nachhaltige Mode produzieren. Und auch der Second Hand Shop ist nicht zu verachten. Schreib mir gerne eine Email bei weiteren Fragen zum Thema.

    Liebe Grüße aus Uganda,
    Tabea

    1. ANNA says:

      Hallo liebe Tabea,
      danke für deinen ausführlichen und ganz, ganz tollen Kommentar! Bei den zwei Adressen werde ich auf jeden Fall vorbeischauen (avocadostore sagt mir sogar schon etwas…) und das Angebot mit der Mail nehme ich gegebenenfalls auch sehr gerne an.
      Ganz liebe Grüße :)

  6. Ein neues Jahr, meine persönlichen Ziele | ANNA-E says:

    […] habe im letzten Jahr zu diesem Thema mal einen sehr langen Text veröffentlicht und mir einiges von der Seele geschrieben. Unverständnis, furchtbare Gewissensbisse und den festen […]

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