Personal: Untergehen

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Atem, so dicht neben mir. So viele Gerüche, dass ich mich nicht mehr traue, tief einzuatmen. Dicke Jacken, Hände an den Griffen, so viele Menschen aneinander gedrängt. Ich sehe auf den Boden, weil ich müde bin, weil Augenkontakt an solchen Tagen einfach nicht in Frage kommt. Ich stehe in der U-Bahn, die so voll ist, dass die am Rand Stehenden Angst haben müssen, dass Teile ihrer Kleidung in der Tür eingeklemmt werden. Ich stehe in der Mitte und habe nur davor Angst, noch näher an mein Gegenüber gedrückt zu werden, der einen so penetranten Geruch verströmt, dass mir bei jedem Luftzug der eigene Atem stockt. Diese Heimfahrten, wenn ich nicht mal mehr weiß, wohin mit meinen Händen, meinem Rucksack, meinen Füßen, weil nirgendwo Platz ist, jeder Zentimeter gefüllt, die Luft steht, so viele Menschen, so viele Jacken, Taschen, Mäntel. Ich mittendrin. Und manchmal kommt mir dieser Gedanke: An das Untergehen.

Wenn ich all die Leute neben mir betrachte, wenn ich doch den Blickkontakt wage, aus purer Neugier, aus Interesse für den Pulli der Person, die aufmerksamen Augen oder das Buch, das sie liest. Wenn ich nicht in der Rush Hour unterwegs bin, wenn ich sitze, obwohl ich sowieso lieber stehe, und ihnen zusehe. Es sind so kleine Ausschnitte aus dem Leben anderer Menschen, dass sie mir nichts über diese Personen verraten können und doch so viel. Ich sehe, was sie gerne lesen, höre manchmal ihre laute Musik aus den Kopfhörern, sehe müde, gelangweilte Blicke, angeregte Gespräche oder liebevolle Telefonate. Sie alle sind wie kleine Puzzleteile aus dem Leben anderer, so viele Einzelheiten, die ihren Alltag prägen, sie zu dem machen, was sie sind. Ich merke, wie viel Unterschiedliches es gibt, in wie vielen unterschiedlichen Welten wir Tag für Tag leben, obwohl wir in derselben Stadt wohnen, dieselbe Sprache sprechen, sogar dieselbe U-Bahn nehmen. Und doch sind es so viele unzählbare Dinge, die uns so sehr unterscheiden, unser Weltbild, unsere Werte, unser Empfinden von ganz bestimmten Gefühlen, unseren Erwartungen, Wünschen, Träumen und Vorstellungen vom Leben. Wir haben verschiedenen Bücher gelesen, durch unsere Kopfhörer dringt unterschiedliche Musik an unser Ohr, unsere Familien haben uns ganz unterschiedliche Definitionen des Zusammenlebens und Liebens gelehrt.

Es erscheint mir so unvorstellbar, dass das funktioniert. Dass wir alle, so unterschiedlich wir auch sind, so unterschiedlich unsere Sicht auf die Welt, wir jeden Tag parallel leben können. Wir wissen nichts voneinander, wir könnten es gar nicht, wir sind einfach da, koexistieren. Verstehen die anderen vielleicht nicht, müssen es nicht, wollen es nicht, können es nicht.

Ich meine, ich weiß, dass das funktioniert. Das tut es ja. Tag für Tag. Als würden wir das nicht sehen, dass wir nur klitzekleine Teilchen in einem unendlich großen Kosmos wären. Als wäre es wahr, als wäre es so, wie es sich anfühlt: dass von unserer Sicht auf die Welt aus, wir im Mittelpunkt stehen. Immer. Als wären wir der Mittelpunkt all dessen, was passiert. Obwohl wir das nicht sind. Obwohl wir eigentlich untergehen sollten, obwohl wir das auch tun. Tag für Tag, kleine Punkte, aneinanderklebende Jacken, kleine Ameisen. Egal was wir tun, es bleibt klein, denn es ist nur ein Puzzleteil. Ein Puzzleteil für unser eigenes Leben und ein so unendliches kleines Puzzleteil für unsere Welt. Ich weiß nicht, ob es gut ist, sich dessen ab und an wieder bewusst zu werden. Oder ob das eigentlich gar keine Rolle spielt, weil wir alle jeden Tag dagegen ankämpfen, ohne es zu merken: Nicht unterzugehen. Indem wir unser eigenes Leben leben. Ist es so einfach?

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