Tabuthema: Einsamkeit

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Wie ihr bestimmt schon mitbekommen habt, telefoniere ich mittlerweile so gut wie jede Woche mit Katja, um unsere neue Podcastfolge aufzunehmen. Katja ist in eine WG nach Leipzig gezogen und ich wohne ja seit mittlerweile zwei Monaten in meiner eigenen Wohnung hier in München. In unserer letzten Folge beschäftigten wir uns also damit, wie es sich für uns angefühlt hat, von zuhause auszuziehen und nun einen eigenen Haushalt zu führen. In diesem Gespräch fragte mich Katja auch, ob ich mich alleine in einer Wohnung nicht oft einsam fühlen würde und ob ich nicht vor dem Einzug genau davor Angst gehabt hätte.

Die Frage ist für mich nicht neu – denn diese Gedanken scheinen sich viele Menschen in meinem Umfeld zu machen. Ich finde jedoch, dass zwischen dem Alleinsein und Einsamkeit ein riesengroßer Unterschied liegt: Ich genieße Zeit alleine und weiß, dass ich das für mich persönlich als Ausgleich brauche. Weil ich sonst den ganzen Tag von Menschen umgeben bin, in der Uni, in der Arbeit. Wenn ich alleine bin, komme ich zum Nachdenken, kann aber auch leichter abschalten. Zeit alleine in meiner Wohnung macht mich deswegen nicht einsam, sondern in den meisten Fällen tatsächlich sehr glücklich. Klar, das funktioniert wahrscheinlich nur so gut, weil ich ansonsten viel mit Menschen zusammen bin und gute Freunde und Familie habe, mit denen ich viel Zeit verbringe und über alles reden kann. Dennoch bin ich der Überzeugung, dass es für jede Person sehr wichtig ist, alleine sein zu können und mit sich selbst klar zu kommen. Dass man sich nicht einsam fühlen muss, nur weil man gerade alleine ist.

Während dem Gespräch und auch durch die Nachrichten, die wir nach dem Podcast bekommen haben, ist mir aber etwas klar geworden: Einsamkeit ist ein Thema, über das wir alle viel zu selten reden. Weil es peinlich ist, unangenehm, man es ungerne zugibt, wenn man sich einsam fühlt. Mir wurde auch klar, wie schnell Einsamkeit auftreten kann und dass sie jeden von uns treffen kann. Vielleicht, weil wir gerade in eine neue Stadt gezogen sind und noch niemanden kennen, weil wir eine wichtige Person in unserem Leben verloren haben oder wir einfach nicht so genau wissen, wie wir unsere Zukunft gestalten wollen und in den Seilen hängen. Doch: darüber zu reden würde bedeuten, sich noch einsamer zu fühlen. Denn, wer will schon Mitleid, wenn man eigentlich Anschluss sucht?

Einige Tage später hörte ich dann den neuen Spiegel-Podcast, das Thema: Einsamkeit. Anlass für diese Folge war, dass Großbritanniens Premierministerin Theresa May eine Ministerin für Einsamkeit bestimmt hatte. Ein Vorschlag, der zunächst sehr absurd klingt, der aber bei Betrachtung der Fakten schon ganz anders aussieht: In Großbritannien sollen 9 Millionen Menschen leben, die sich oft oder immer einsam fühlen. Um die 200.000 Senioren würden maximal ein Mal im Monat ein Gespräch mit Freunden oder Verwandten führen. Doch es sind nicht nur alte Menschen, die Einsamkeit treffen kann: Nach einer Trennung, einem Todesfall oder einem Schicksalsschlag geraten viele Menschen in einen Zustand ständiger Isolation und Einsamkeit. Laut Spiegel-Recherchen seien es in Deutschland schätzungsweise zehn Prozent, die unter Einsamkeit leiden.

Ich finde es sehr wichtig, dass auch ein Thema wie Einsamkeit in das politische Interesse rückt. Natürlich sind Gesundheit, Pflege und Bildung große Teile unseres politischen Systems, aber psychische Erkrankungen oder Einschränkungen werden hier viel zu wenig mit eingeschlossen. Vielleicht liegt das auch einfach an unserer Gesellschaft: Psychische Krankheiten sind immer noch ein riesiges Tabuthema, was den Erkrankten den Weg heraus und die Annahme von Hilfe zusätzlich erschwert. Und auch Einsamkeit gehört zu diesen Tabuthemen, die offensichtlich einen großen Teil von uns betreffen, jeden betreffen können – und damit die öffentliche Aufmerksamkeit und politisches Engagement verdient haben.

Auch im Spiegel-Podcast erwähnt: Der Hashtag #KeinerTwittertAllein. Das ist eine Aktion, die vor allem für die Zeit zwischen den Jahren gestartet wurde, um einsame Menschen zusammenzubringen. Wer sich die Tweets unter diesem Hashtag durchliest, erkennt, dass Einsamkeit kein entferntes Phänomen ist, sondern menschlich und so nah am Alltagsleben in unserer heutigen Welt. Einer modernen Welt, in der Menschen zwar in kleinen Wohnungen eng aneinander wohnen – sich dort drin aber häufig verlassen und einsam fühlen. Mich haben viele dieser Tweet sehr berührt, weil ich mich gleichzeitig gefragt habe, wie viele Menschen ich wohl täglich treffe und sehe, die genau dieses Gefühl empfinden.

Es ist ein trauriges Paradoxon, dass Einsamkeit noch unsicherer machen muss, noch schüchterner, sich fremden Menschen zu öffnen. Dass es Selbstzweifel schürt, weil man denkt, man ist nicht genug, nicht beliebt, wird nicht gesehen. Es ist eine traurige Spirale, die nicht endet, wenn sie nicht durchbrochen wird. Die Politik kann hier mit Sicherheit helfen, es zu einem Thema zu machen und gegenseitiges Bewusstsein zu wecken. Aber das können wir auch, im Einzelnen, im Privaten, im Alltag. Wir gehen stets einen Schritt weiter: Tabuthemen wie Depressionen oder Hochsensibilität werden immer häufiger thematisiert – auch dank sozialer Medien. Noch lange nicht genug, aber: Tabuthemen, bei denen wir Menschen Schwäche eingestehen müssen, werden häufiger angesprochen und erhalten Aufmerksamkeit. Das ist der wichtigste Schritt, den unsere Gesellschaft an dieser Stelle bewerkstelligen muss: Diesen Themen das Tabu zu nehmen und sie dem Austausch zu öffnen, ihnen die Scham zu nehmen. Sprecht über Einsamkeit, vertraut euch jemandem an. Und: Seht hin, hört zu. Vielleicht klingt das zu einfach, aber dieses Paradoxon, diese Abwärtsspirale kann vor allem durch eine Sache gelöst werden – Dialog.

 

Bilder: Katja (amoureuxee)

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3 Comments

  1. Eleni MZK says:

    Wow. ? Richtig toller und wahrer Text. Ich brauche auch viel Zeit für mich und dies ist mir auch super wichtig, manchmal Frage ich mich (vorallem in letzter Zeit) aber wie viel davon wirklich gut ist, oder ob es nicht in Einsamkeit übergeht.
    Danke, für die Erinnerung dass wir mehr darüber reden sollten. :)

    1. ANNA says:

      Einsamkeit ist etwas sehr subjektives – und das auch meiner Meinung nach die Herausforderung, vor der eine “Ministerin für Einsamkeit” wohl stehen wird. Ich hoffe, der Artikel hat dir trotzdem etwas weitergeholfen :)
      Danke fürs Lesen und liebe Grüße an dich!

  2. Elena says:

    Super Artikel! Ich denke auch dass wahrscheinlich viele Menschen sich selbst gar nicht wirklich eingestehen dass sie einsam ist, da es keine schöne Tatsache ist und auch nicht im Handumdrehen zu lösen ist. Dass es in Grossbritannian nun eine Ministerin für Einsamkeit geben wird find ich sehr interessant, es könnte wirklich helfen viele Menschen wieder aus ihren trüben Gedanken herauszu holen und sich in ihrer Einsamkeit irgendwie weniger allein fühlen. Danke dass du dieses Tabu Thema angesprochen hast und euren Podcast finde ich übrigens richtig schön! Am liebsten würde ich grad mit euch mtidiskutieren :)
    Liebe Grüsse,
    Elena

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