Trends wie Hygge & Co.: Haben wir Angst vor der Welt da draußen?

Posted on

Das Wort “Hygge” hat uns mittlerweile bestimmt alle erreicht. Hört sich irgendwie nach Hipster an, nach Hornbrille und Kaminfeuer. Letzteres trifft es tatsächlich auch ganz gut: Bei Hygge geht es ums Wohlfühlen, um die dänische Art, glücklich zu werden. Im Netz kursieren hierzu unzählige Listen, die erklären sollen, wie das funktioniert: Zuhause Filme schauen, öfter mal Gastgeber sein, entspannte Treffen mit Freunden organisieren, Tee trinken und Bücher lesen. Das klingt ja alles ganz gut, denke ich, als ich mich durch diese Ratgeber klicke. Entspannt, ruhig, gemütlich. Passt zu dem Self-Care-Trend, der unsere Generation mehr und mehr zu prägen scheint.

Doch dann gibt es doch einen Punkt, an dem ich hängen bleibe: Diskussionen über Politik und das Weltgeschehen gelten ganz offen als unhyggelig. Sie sollen nicht in die Wohnung gelassen werden, all die schlechten Nachrichten sollen draußen bleiben. Auf einmal merke ich, dass das Ganze ganz schön nach Eskapismus klingt, einer Flucht nach innen und fast schon an die Biedermeierzeit erinnert: Die Flucht ins Häusliche wird gelebt, Politik und Weltgeschehen sind nicht zu ertragen, interessieren nicht. Kann man den Hygge-Trend so ernst nehmen, so schwer beurteilen? Haben wir so viel Angst vor der Welt da draußen, dass wir uns zurückziehen und uns alles andere egal wird? Ist Hygge eine Antwort auf eine Welt, in der wir uns bedroht fühlen, unsicher?

Einen weiteren Denkanstoß hierzu bekam ich vor zwei Wochen, als mich der Verlag Ars Edition zu einem vorweihnachtlichen Treffen zum Thema “Hygge” einlud. Auf dem Programm stand hier auch eine Diskussionsrunde, in der Trends wie Hygge zum Thema wurden. Die Wirtschaftspsychologin Dr. Sandra Ebert sagte hier, “Hygge” hätte das Potenzial, kein Hype, sondern ein langjähriger Trend zu werden. Also einer, der um die 50 bis 60 Jahre andauern könnte. Das heißt, wir können diesen Trend ernst nehmen, müssen es sogar. Und er zeigt sich bereits in unserem Alltag, unserem Verhalten: Verena Roskos, Chefredakteurin der Jolie, führte in dem Gespräch als Beispiel die Einschaltquoten der ZDF-Serie “Der Bergdoktor” an – diese hätten in letzter Zeit einen beachtlichen Aufschwung erlebt. In einem Gespräch mit einem Psychologen erfuhr sie: Das hänge damit zusammen, dass wir uns immer mehr nach dieser häusliche, heilen Bergwelt sehnten. Weil uns all das da draußen zu bedrohlich wird.

An dieser Stelle fragte ich mich, ob das heißen kann: Umso turbulenter unsere Politik und das Weltgeschehen, umso mehr ziehen wir uns zurück? Dabei ist historisch doch genauso zu beobachten, dass einzelne politische Probleme, Ausnahmesituationen und gesellschaftliche Fragen die Gesellschaft unglaublich oft polarisiert und auf die Straßen gelockt haben. Aufstände, Demonstrationen oder heute Online-Petitionen: Unrecht, Unmut oder auch Angst heizen die Politik immer wieder an und motivieren dazu, dass Engagement doch wieder stattfindet. Eine Bewegung zur Gegenbewegung? Oder zwei Trends, die sich immer wieder parallel entwickeln und sich gegenseitig anheizen?

Ich denke, dass Trends wie Hygge, Self Care & Co. ihren Ursprung viel tiefer haben: In unserem eigenen Alltag, unserem Berufs- und Privatleben – und letztendlich auch in dem, was wir von der Welt mitbekommen. Tag für Tag prasseln unzählige Eindrücke auf uns ein, in roten Bannern, Überschriften in Versalien, lauter Musik aus jedem greifbaren Lautsprecher. Dazu 40-Stunden-Wochen, psychische Probleme, eventuell Stress im Privaten. All das führt zu einer kollektiven Erschöpfung. Wer sich hier keine Pausen nimmt, läuft Gefahr, daran zu zerbrechen. Und das ist es doch, was Hygge uns sagen will: Wieder Energie zu schöpfen, um unser Leben genießen zu können. Ein selbstzentrierter Tunnelblick ist aber bestimmt nicht die Antwort, die die Dänen hierbei im Sinn hatten. Wer ab und zu in sich hineinspürt, fühlt selbst, was Hygge für ihn persönlich bedeutet – dazu braucht es keine Listen.

  • Share

0 Comments

Leave a comment

Your email address will not be published.