Wieso wollen wir immer mehr? Über unstillbare Gier, Alltagstrott und Avocados

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Wir haben viel. Nicht alle von uns, manche mehr und manche weniger. Aber ich wage einfach mal zu behaupten, dass der  Großteil der Menschen, die diesen Blogartikel lesen werden, „viel“ haben. Vor allem viel Auswahl, so viel Auswahl, dass wir uns schon gar nicht mehr entscheiden können. Und diese Auswahl ist immer da, immer vorhanden, die Kühlregale immer voll, die Kleiderstangen schwer beladen mit neuen Designs. Morgens läuft der Kaffee aus dem Automaten, die Milch ins Müsli, das Wasser aus dem Wasserhahn. Alles da, alles selbstverständlich.

Wenn wir nach Feierabend den Supermarkt betreten, sind die Regale immer noch voll. Da liegt immer noch Gemüse in der Auslage, da stehen immer noch unendliche viele Kartons voller Milch im Kühlregal. Klar, wir erwarten ja auch nichts anderes. Ein leerer Supermarkt, was soll das denn sein?

Leere ist das, was wir nicht erwarten und was in unserem Weltbild nicht vorkommt. Es scheint, als wären wir ein voll beladener, ja sogar überbeladener, dicker Planet, der träge durch das Weltall kugelt. Einer mit Übergewicht auf der einen Seite und viel zu leichten Stellen an der anderen Seite, aber einer, der insgesamt ganz schön träge und überfüllt ist.

Aber unsere Welt ist eben ganz und gar nicht so fett und träge, sie ist eigentlich schon jetzt viel zu leer. Der „Living Planet Report“ von WWF zeigte erst im Oktober wieder, dass wir Menschen aktuell 60 Prozent mehr von dem verbrauchen, was die Erde für uns bereithält. Sechzig Prozent – wenn ich mir vorstelle, mit solchen Summen beispielsweise mein Bankkonto zu überziehen, wird mir schon schlecht. Wenn ich mich danach an einen Finanzberater wenden würde, könnte doch selbst der bestimmt nur noch den Kopf schütteln. Kann ja dann schließlich nicht mehr zu retten sein, oder? Wie soll ich das denn irgendwie wieder zurückbekommen, erarbeiten? Aber wenn es um unsere Erde, um unsere Natur geht, sehen wir das nicht so schwarz auf weiß, ringen unsere Alarmglocken nicht so energisch.

Es ist diese seltsame Gier, dieser krankhafte Hunger, der uns ständig voranzutreiben scheint. Auf einmal wird es Trend, vegetarisch oder vegan zu leben – und plötzlich essen alle nur noch Avocados. Sah man davor überall Burger, Bacon und Steaks, sehen wir nun die grüne Frucht in allen Varianten. Bekommen nicht genug von dem Trendfood und übersehen in ihrem grünen Wahn, dass damit der Klimawandel verstärkt und Regenwälder abgeholzt werden. Allein zweieinhalb Avocados verbrauchen ganze eintausend Liter Wasser, aber wir essen immer mehr, immer weiter.

Aber wieso eigentlich? Ist es beispielsweise nicht einer der vielen Gründe für einen Umstieg auf eine vegetarischen Ernährung, den Massenkonsum von Fleisch zu stoppen? Aber wieso suchen wir dann den Ersatz in einem anderen Lebensmittel und fördern hier den Massenkonsum? Klar, weil es schmeckt. Aber ist das alles? Können wir Geschmack nicht auch in Maßen genießen? Oder sind wir einfach besessen von dem Gedanken, immer mehr zu wollen?

Wenn etwas gut ist, bleiben wir eben auch dabei. Manchmal wollen wir nunmal auf der sicheren Seite sein, anstatt laufend Neues auszuprobieren. Und das ist auch okay. Eine Avocado schmeckt, sie gibt dir deswegen ein glückliches Gefühl. Aber ab und zu sollten wir uns alle vielleicht auch Gedanken darüber machen, ob wir diese Avocado nun aus einem reinen Geschmackserlebnis oder aus schlichter Gewohnheit heraus essen. Denn diese Stumpfheit, diese Gewohnheit ist vielleicht genau das, was unsere Gier fördert. Wir wollen gar nicht unbedingt viel mehr Neues, sondern einfach unendlich viel von dem, was wir schon haben. Wir akzeptieren keine leeren Regale, keine höheren Preise. Wir wollen volle Regale und niedrige Preise.

Aber vielleicht ist es einfach dieser Schritt aus dem eigenen Trott, der unserer Umwelt am meisten helfen könnte. Wenn wir alles in Maßen essen würden, neue Gerichte ausprobieren, mit verschiedenen Ressourcen experimentieren als uns auf bestimmte festzubeißen. Die Welt gibt uns eigentlich so viel, aber wir nutzen so wenig – und wenn, in übermäßigem Ausmaß. Ist das Zivilisation? Ich weiß es nicht.

Photo by Brooke Lark

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