Wir, die „Self Care“-Generation

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„Self Care“, einer dieser Internetbegriffe. Einer derer, die durch das Netz schwirren, empfohlen von Fitnesstrainern, Lifecoaches oder von Menschen, die sich und ihr Leben echt im Griff zu haben scheinen. Sie alle sind sich einig: „Self Care“ ist der Schlüssel zu einem ausgeglichenen, gesunden Leben.

„Self Care“ ist nicht einfach einer dieser Internetbegriffe. Es ist eine Lebensphilosophie, die unsere Generation mehr zu begreifen scheint, als all die Generationen vor uns. Das mag historische Hintergründe haben, aber unsere Lebenseinstellung unterscheidet sich offensichtlich stark von anderen Generationen. Wir wissen, wer wir sind, was wir können – aber wir wollen das auch genießen. Wir sind mit Sicherheit keine faule Generation, sondern eine mit extrem jungen Selbstständigen und Start-up-Gründern. Leute mit Ideen und dem Mut, diese in die Tat umzusetzen. Erfinden, arbeiten, kreativ sein, neue Dinge erschaffen, die Welt weiterentwickeln – ja. Aber nicht mit Burnout und 50-Stunden-Wochen. Sondern bewusst, gesund, für uns selbst und damit für unsere Welt.

Vielleicht haben wir ganz einfach begriffen, dass es unserer Welt nicht hilft, wenn wir uns alle im Kleinen kaputt machen. Wenn wir alle so viel Energie in andere stecken, dass für uns selbst nichts mehr übrig bleibt. Vor kurzem schrieb ich, „wir sollten nicht alle Menschen gleich behandeln„. Aber genau dabei sollten wir auch eine bestimmte Person nicht vergessen: uns selbst. Wir können niemandem helfen, nichts geben und bewirken, wenn wir nicht auf uns selbst achten. Das ist nicht Egoismus, sondern Selbstachtung. Weil es jeder von uns wert ist, gut behandelt zu werden – vor allem und ganz besonders von sich selbst.

Forderungen wie die 4-Tage-Woche, flexiblere Arbeitszeiten, Home Office oder das bedingungslose Grundeinkommen sind nicht ohne Grund ein Teil gesellschaftlicher Debatten geworden. Der Mehrheit von uns geht es finanziell gut – es sind andere Dinge, die uns belasten. Krankheiten, ausgelöst durch Stress und Überbelastung. Psychische Erkrankungen, Depressionen, Burnout. Unsere Gesellschaft scheint langsam mentale Erkrankungen zu verstehen, zu sehen, anzuerkennen. Das ist zwar bestimmt noch ein langer Weg, aber er geht einher mit unserer neuen Philosophie: Es ist gut, wenn du dich um dich selbst kümmerst. Es ist eine der wichtigsten Aufgaben, die du in deinem Leben hast. Nutze die Chance, dein Leben so auszufüllen und zu leben, wie du es brauchst und kannst. Wenn es dir schlecht geht, such dir Hilfe und vor allem: behandle dich selbst gut.

„Self Care“ ist kein Modebegriff, er ist viel mehr als das. Er ist der Begriff einer Generation, die verstanden hat, dass mentale Gesundheit weder der Normalfall noch pures Glück ist, sondern Arbeit. Achtsamkeit. Selbstliebe. Und dass genau das die wichtigste, aber vielleicht auch die größte Herausforderung deines Lebens ist.

 

„loving yourself is the greatest revolution“

2 Comments

  1. Fenia says:

    Danke Anna für diese wundervollen Worte!
    So oft höre ich von älteren Generationen, dass unsere faul sei und nicht richtig arbeiten würde, so oft höre ich, wenn ich mich nicht Zeitnah für meine Zukunft entscheide und sie in Angriff nehme, wird sie den Bach runter gehen.
    Dabei gehe ich meine Zukunft jeden Tag, in dem ich lerne Achtsam zu sein. Achtsam mit anderen Menschen und Dingen und vorallem mit mir Selbst. Am liebsten würde ich deinen Text an jede Straßenlaterne hängen, damit die Menschen darauf Aufmerksam gemacht werden, aber es ist wohl noch ein langer Weg bis die Gesellschaft das akzeptiert.
    Ich habe eine Zeitlang in einer Psychiatrie gearbeitet und dort zu viele Menschen gesehen, welche in unserem Alter waren und mit ihrem Leben schon komplett abgeschlossen haben. So gerne hätte ich sie in den Arm genommen und ihnen gesagt, dass eine Pause für sich selbst zu machen genau das Richtige ist, aber als Praktikanten kommt man gegen die Medikamentenphilosophie nicht an.

    1. ANNA says:

      Hi liebe Fenia,
      danke für deinen Kommentar und dafür, dass du von deinen Erfahrungen erzählst. Leider sind definitiv nicht alle Krankheiten nur mit Achtsamkeit zu lösen – aber ich gebe dir recht, es wäre schön, wenn in Krankenhäusern und ähnlichem der Fokus auf wahre Erholung und nicht auf schnelle Abfertigung von Patienten gesetzt werden würde. Aber hier könnte man ja noch an ganz anderen Punkten wie die chronische Unterbesetzung und schlechte Bezahlung in unserem Gesundheitssystem ansetzen und so schnell nicht aufhören…
      Liebe Grüße an dich!

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