Die größte Lüge der Welt

Posted on

“Welches ist denn die größte Lüge der Welt?”, fragte der Jüngling überrascht.
“Es ist diese: In einem bestimmten Moment unserer Existenz verlieren wir die Macht über unser Leben, und es wird dann vom Schicksal gelenkt. Das ist die größte Lüge der Welt!”
 (aus “Der Alchemist”, Paulo Coelho)

Eine Woche Kreta, 7 Tage, ein Mietwagen. “Die letzten zwei Touristen”, so wurden wir hier regelmäßig begrüßt. Eines Abends, wir waren die einzigen Gäste in einer kleinen Taverne in einem beschaulichen Bergdorf im Innern der Insel. Wir bestellten eine Auswahl an Vorspeisen – mezedes – und unterhielten uns mit der Wirtin. Kurz darauf verschwand sie aus dem Lokal und kam einige Minuten später zurück, mit einer vollen Tüte aus dem Einkaufsladen nebenan. Sie hatte extra für uns eingekauft, servierte einen hausgemachten Dip zum Brot und als Nachspeise griechischen Joghurt, mit viel Honig und Rosinen. Sie wusste, es war unser erster Besuch in Griechenland, der griechische Joghurt durfte nicht fehlen.

So ging es uns häufig in dieser einen Woche auf der griechischen Insel: Da wir in der Nachsaison reisten, waren wir oftmals die einzigen Gäste, die Menschen freuten sich über unseren Besuch, begrüßten uns herzlich und gaben uns einen Einblick in ihren Alltag hinter dem Tourismus. Um sich uns im Übrigen besser vorstellen zu können, wir erfüllten nur ganz knapp das gängige Roadtrip-Klischee: Auf den Fahrten hörten wir – wenn das Radio auf kurzen Streckenabschnitten funktionierte – plötzlich griechische Popmusik oder – wenn das Radio auf langen Streckenabschnitten nicht funktionierte – Hörspiele über griechische Mythen und Sagen. Dank Audible, die ein breites Repertoire an griechischen Sagen anbieten, hörten wir im Auto sämtliche Geschichten über Prometheus, Appollon und Medusa. Unsere Fankultur entwickelte sich in kurzer Zeit so weit, dass wir die angebliche Geburtshöhle von Zeus besuchten und dafür einen steilen Wanderweg zu jener Tropfsteinhöhle hinter uns brachten. Wir erfuhren die griechische Kultur also definitiv mit allen Sinnen. Manchmal fuhren wir lange über Serpentinen, an nahezu ausgestorbenen Dörfern vorbei, bis wir einen offenen Supermarkt oder eine Taverne fanden. Wir beobachteten, wie ein Mann in einem Dorf die erste Weihnachtsbeleuchtung aufhing und einen aufgeblasenen Weihnachtsmann aufstellte. Wir sahen eine einsame Anglerin am Ufer sitzen – und ihren Fang mit ihrem Smartphone fotografieren. Währenddessen aßen wir Orangen und Rosinenbrötchen am Meer. 

Reisen bereichert nicht nur durch fremde Landschaften und Kulturen, sondern auch auf eine ganz banale Weise: zu sehen, wie unterschiedlich der eigene Alltag gestaltet werden kann. Bewegen wir uns zu Hause viel zu oft in unserer persönlichen Filterblase, bietet sich an einem fremden Ort die Möglichkeit, aus dieser auszubrechen, meist ganz von selbst an. So zeigen sich Geschichten und Lebensarten und Weltvorstellungen, die sich vielleicht ganz grundlegend von den eigenen unterscheiden. 

Während unserer Reise las ich Paulo Coelhos “Der Alchemist”, aus dem Buch stammt das Zitat am Anfang dieses Textes. Vielleicht lag es daran, für eine Zeit wieder in jeden einzelnen Tag hineinleben zu dürfen, vielleicht an der Meereskulisse, vielleicht aber auch nur daran, dass ich viel über Coelhos Worte nachdenken konnte. Das Buch beschäftigte mich sehr, das Zitat unterstrich ich mir als Erinnerung. Das Leben ist oft unfair, bietet Hürden. Jede von ihnen hinterlässt Spuren, prägt, doch kann es an jeder Person selbst liegen, was sie aus diesen macht. Damit bleibt die Macht über die eigene Existenz. Und jede Reise, jede Begegnung erzählt von neuen Möglichkeiten, einem weiten Horizont. Diese Erzählungen möchte ich für immer behalten.

Dieser Beitrag ist in Kooperation mit audible entstanden. Auf unseren teilweise mehreren Stunden langen Autofahrten durften wir die angebotenen Hörspiele ausprobieren und uns inspirieren lassen. So wurden alle Sinne beansprucht, vielen Dank dafür!



  • Share

0 Comments

Leave a comment

Your email address will not be published.