Die verdrehte Sprache der Flüchtlingsdebatte

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Seit September 2015 ist viel passiert: Wir haben mit der AfD eine neue Partei im Bundestag, wir haben ein paar neue Regelung in der Flüchtlingspolitik, wir streiten über private Seenotrettung und Diskussionen um Ausgrenzung und Abschiebung haben eine vor wenigen Jahren noch undenkbare Schärfe erhalten.

Es hat sich etwas innerhalb der Flüchtlingsdebatte geändert…

Vor allem hat sich etwas innerhalb der Flüchtlingsdebatte geändert: unsere Sprache, die Intention unserer Worte und deren Wirkung. Das Wort Flüchtling scheint schon lange nicht mehr in Verbindung mit Not, Mitleid, humanitärer Hilfe zu stehen – es schmückt stattdessen Negativschlagzeilen oder wird vielmehr vermieden, weil es mit Konnotationen wie “illegal” und “viel zu viele” verbunden wird. Die Politik spricht davon, Grenzen besser zu schützen, Österreich führt demonstrativ sogenannte Grenzschutzübungen aus. Das eigentlich richtige Wort hierfür wäre dabei die Grenzkontrolle – um darüber zu entscheiden, wer beispielsweise nach Deutschland einreisen darf und wer nicht. Geschützt werden müssten unsere Grenzen vor feindlichen Angreifern, nicht vor Hilfesuchenden. Doch dieser Unterschied verwischt mittlerweile merklich in der öffentlichen Debatte.

Selbst wenn es um die Frage der “Bekämpfung von Fluchtursachen” geht: Auch hier gerät schnell in den Hintergrund, dass Europa, die europäische Wirtschaft und Landwirtschaft faktisch gesehen eine hohe Mitschuld an genau diesen Fluchtursachen hat. Sie basieren auf einem System der Abhängigkeit, dass nicht durch Spenden oder kurzfristige Projekte gelöst werden kann. Doch auch diese Darstellung ist häufig von einem Freund-Feind-Bild geprägt: Wenn es Afrika nicht schafft, seine eigenen Probleme zu lösen, müssen wir uns darum kümmern – damit wir so die Flüchtlingswelle stoppen. Verdrehte Welt, oder?

Verdrehte Welt, oder?

“Wir können ja nicht alle aufnehmen”: Kein Satz wurde wohl so häufig in der Debatte um eine striktere Flüchtlingspolitik verwendet wie dieser. Dabei geht vor allem er so weit an der realen Diskussion vorbei, dass er keinen tiefgreifenden Beitrag liefern kann. Einzig die winzige politische Minderheit, die Grenzen ohne Einschränkungen öffnen möchte, würde diesen Satz verneinen. Der Rest der Bevölkerung ist für eine Unterteilung in legale und illegale Einwanderung und vor allem auch in Asyl und Einwanderung. Der Satz allein soll aber andere Assoziationen wecken – unter anderem die Gefahr, Europa würde von illegalen Einwanderern überschwemmt.

Bei alldem dürfen selbstverständlich nicht reale Entwicklungen und Zukunftsprognosen totgeschwiegen werden. Auch das versuchen einige Parteien: So ist nur davon die Rede, dass die Flüchtlingsströme kleiner werden, all das wäre lange kein so großes Problem mehr wie 2015. Wer so argumentiert, denkt nicht vorausschauend und bedient sich gleichzeitig der verdrehten Sprache, die die Debatte mittlerweile prägt à la: “Wir sind erstmal sicher.” Und schon wieder sind wir an dem Punkt des Feindbilds angelangt…

Warum die Flüchtlingsdebatte immer noch von so viel politischem und gesellschaftlichen Zündstoff geprägt ist, liegt mit Sicherheit daran, dass sie eine grundlegend moralische ist. Mit unserer neuen, verdrehten Sprache wird versucht, die Moral umzukehren. Auf einmal gibt es nur noch das böse Fremde und die Bedrohung von außen. Das ist nicht hilfreich, sondern vor allem auf moralischer und menschlicher Ebene gefährlich für die Grundsätze unserer demokratischen Gesellschaft.

Die richtigen Worte der Debatte und ihre Bedeutung

Rechtlich unterscheiden wir zwischen “legal” und “illegal” – aber das entspricht nicht gleich der moralischen Bewertung. Ein Wirtschaftsflüchtling wird als illegal gewertet, seine Motive sind trotzdem moralisch nachvollziehbar. Wir müssen in dieser Debatte wieder darauf achten, Worte richtig zu verwenden und über ihre Bedeutung nachzudenken. Um keine ausschließende Debatte zu führen, sondern eine, die zwar Unterschiede und Probleme erkennt, aber sie nicht erst hervorruft. Als es zuletzt um die in Not geratene Fußballmannschaft in einer Höhle in Thailand ging, zeigte die Weltbevölkerung ihr Mitgefühl und wartete angespannt auf die Rettung. Geht es um das Ertrinken von Flüchtlingen im Mittelmeer, scheint das schon lange nicht mehr so zu funktionieren – stattdessen landen Retter vor Gericht und werden im Einklang öffentlicher Akzeptanz vonseiten der Politik verurteilt.

Um die rechtliche Umsetzung, die politische Gestaltung der Aufnahme von Geflüchteten lässt sich sachlich, argumentativ und logisch streiten.  Wir können unsere moralische Verantwortung nicht wegschieben, indem wir die anderen zu bösen Tätern machen. Diese verdrehte Sprache der Debatte schadet nicht nur der Lösungsfindung, sie sorgt für tiefe Gräben in der Gesellschaft. Mitgefühl und Menschlichkeit könnten der kleinste gemeinsame Nenner dieser Debatte sein – doch wir drehen uns stattdessen lieber selbst die Worte im Mund um.

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1 Comments

  1. Linkliebe ? 17 | Meergedanken says:

    […] Die verdrehte Sprache der Flüchtlingsdebatte […]

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