Ich schick’ euch ganz viel Sonne vom anderen Ende der Welt (Deutschland, was passiert mit dir?)

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Wenn ich könnte, würde ich ganz viel Sonne einfangen und in das eisige Deutschland schicken. Weil ihr euch bestimmt alle Sommer wünscht. Endlich wieder kurze Hosen tragen, Wintermäntel aus der Garderobe verbannen und mit dem Fahrrad zum See fahren. Aber auch aus einem ganz anderen Grund.

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Wenn ich hier am Strand sitze, die Füße im weichen Sand, vor mir nur unendliche Weite, denke ich nicht viel. Ich genieße – die Sonne, Freiheit, Unbeschwertheit.

Aber wenn ich doch einmal meinen Laptop ausklappe und in den Nachrichten stöbere, fröstelt es mich. Auch wenn ich die Sonne dabei noch im Nacken habe, stellen sich mir dort sämtliche Haare auf. Ich lese von hoher Wahlbeteiligung, aber erschreckenden Ergebnissen. Ich lese von Debatten, aber ohne stichhaltige Argumente. Ich lese von Politik, die mir aber keine zu sein scheint. Von demokratischen Veranstaltungen, die eher an die Versammlung einer religiösen Sekte erinnern.

Ich verbanne kurz den Sandstrand und das blaue Meer vor meinen Augen und frage mich: Was muss in den Köpfen und Herzen derer vorgehen, die Menschen Macht schenken, die diese offensichtlich missbrauchen wollen? Einer Partei, die sich konkret gegen bestimmte Menschen ausspricht, statt für die gesamte Menschheit. Demokratie fußt aber doch genau hierauf, oder ist das auf einmal in Vergessenheit geraten?

Wie kann sich meine Heimat in nur wenigen Wochen so verändern? Die Stimmung, die Einstellung, das Lebensgefühl? Deuschland, was passiert mit dir? Oder habe ich dieses Gefühl nur, weil ich nicht dort bin? Ich bin nur ein Beobachter, kein Beteiligter – seh’ ich deswegen vielleicht alles klarer? Oder noch verschwommener?

Landsleute, Nachbarn, vielleicht sogar Bekannte scheinen sich nicht zu trauen, ihrer Angst, ihren Sorgen und Problemen ins Gesicht zu sehen, sondern sie lieber auf andere schieben zu wollen. Gehen wählen, aber machen das Kreuz mit unbekanntem Hass im Herzen und dieser brüllenden Stimme im Ohr. Dabei sollte eine andere Stimme viel lauter brüllen – so laut, um aus diesem Alptraum wach zu rütteln.

Nach Frankreich ist es nicht nur Deutschland, das eindeutig in die falsche Richtung schwimmt. Amerika, was sagst du dazu? Gibst einem Donald Trump so viel Macht und Aufmerksamkeit. Von außen betrachtet: Unvorstellbar, beunruhigend, menschenverachtend. Und was ist mit dem Inneren? Mit den Menschen? Was denken sie, was fühlen sie, dass sie sich nach einem solchen Präsidenten sehnen? Viele Fragen, auf die ich keine nachvollziehbaren Antworten finden kann.

Ich gehöre zu einer glücklichen Generation, die in Frieden aufgewachsen ist und nur diesen kennt. In einem schönen Europa, mit offenen Grenzen und guten Gedanken. Vielleicht bin ich deswegen verwöhnt, zu jung, zu sehr abseits des großen Ganzen. Aber ich bin ganz sicherlich alt genug, um zu verstehen, dass es niemals gegen die Menschen gehen darf. Dass wir uns stets an der eigenen Nase packen sollten. Dass Protest wichtig ist, aber in dem richtigen Maß und an der richtigen Stelle. Dass wir stets das Schlechte im Auge behalten sollten, im Hinblick auf das Gute. Und vor allem, dass wir niemals die Augen verschließen sollten, um blind gegen eine Wand zu laufen.

Ich möchte stolz sein auf meine Heimat, auf deren Menschen. Würde gerne helfen, aber weiß nicht wie. Ich möchte nach diesen Monaten gerne in das Land zurückkehren, das ich kenne – und nicht in die kalte, beunruhigende Fremde, die ich gerade in den Schlagzeilen sehe.

3 Comments

  1. Märchenkind says:

    Aber das hat sich ja leider auch schon eine ganze Weile zusammen gebraut … und ich finde es ziemlich erschreckend, wie sich das ausbreitet, was in Polen passiert, ist ja noch schlimmer. Und das, was vorhin in Brüssel los war, spitzt es wieder nur mehr zu, weil einige Leute ja eine ganze Religion in eine Schublade stecken müssen, zwischen normalen Gläubigen und Extremisten zu differenzieren, würde ja viel zu sehr anstrengen. Lieber AfD wählen und die machen das dann irgendwie, genau. Und bloß nicht ihr Wahlprogramm lesen, dann wüsste man ja von dem ganzen Mist, den die sonst noch so planen. Frauenfeindlich? Unfallversicherung für Arbeitnehmer abschaffen? Homophob? Aaaach, solange sie unsere Flüchtlingspolitik verändern, ne?
    Danke. Hat mich überzeugt, endlich in einer Notunterkunft zu helfen, und wenn da Leute zu mir kommen, mich anlächeln und sagen “Guten Abend! Wie geht es Ihnen?” dann kann ich auch nur erklären: Tut mir leid, aber dass sind ganz sicher keine integrationsunwilligen Terroristen.

    Aber ich hoffe trotzdem, dass ihr noch eine wunderschöne Zeit habt, trotz wenig erfreulicher Nachrichten aus der Heimat. So oft ist man ja auch nicht in Neuseeland.
    Alles Liebe,
    Mara

  2. Tabea says:

    Die aktuelle politische Lage macht mir auch ein wenig Sorgen. Aber obwohl ich “vor Ort” bin, tue ich nichts dagegen, weil ich nicht weiß, wie ich das als Minderjährige tun sollte…
    Irgendwie fühle ich mich einfach nur hilflos und wünsche mir, dass das alles nicht wahr ist.
    Ein bisschen von deiner Sonne würde ich aber trotzdem nehmen ;)
    Liebe Grüße und danke für diese Worte, die ziemlich gut ausdrücken, was ich momentan öfters denke!

  3. Janine says:

    Ich verstehe dich und deine Gedanken nur zu gut – mir geht es ganz genauso. Wann immer Deutschland in den letzten 12 Monaten in den norwegischen Medien war, habe ich gehofft, dass mich keiner darauf anspricht. Ich könnte einfach nicht erklären, wie mein Land innerhalb kürzester Zeit so schlimm anders werden konnte. Noch Anfang letzten Jahres habe ich mit einer gewissen Freude von meiner Herkunftsregion – Sachsen/ unweit von Dresden , erzählt. Aber dank Pegida ist die Assoziation nicht mehr zwangsläufig schöne Altstadt, Semperoper etc. :( Es ist so traurig.

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