Die Grenzen in unserem Kopf

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“Wenn ich in meinen Backpackerklamotten und mit meiner Kamera in der Hand den gut gekleideten Menschen, die auf dem Weg in die Oper sind, auf Sydneys Hafenpromenade entgegengehe. Wenn ich nur zu Mc Donalds gehe, um das Wlan zu nutzen, während andere hier kurz ihr Frühstück für ihren bevorstehenden Arbeitstag kaufen. Wenn ich mich heimlich in die Duschen schleiche, die eigentlich für Truckfahrer gedacht sind. (…)”

All diese Dinge lösen dieses gewisse Unbehagen in mir aus – dieses Gefühl, nicht dazugehören zu können, einer anderen Welt anzugehören. Sich fast ein wenig dafür zu schämen, wer man gerade ist. Ein Gedanke, den man eigentlich niemals haben sollte und ein Gefühl, das man ganz schnell aus seinem Herzen verbannen sollte. Denn wer ein bisschen darüber nachdenkt, merkt, dass uns doch eigentlich gar nicht wirklich körperliche oder finanzielle Unterschiede trennen, sondern ganz allein die Grenzen in unserem Kopf.

Muss ich mich entscheiden, wohin ich gehören möchte? Ob ich dafür kämpfen möchte, irgendwann von der Penthousesuite auf das Opera House sehen zu können oder auch in zwanzig Jahren noch von Campingplatz zu Campingplatz zu fahren?
Fragen, die ich mir nicht stelle, weil ich unsere Welt nicht als eine Zwei-Klassen-Gesellschaft sehe. Trotzdem habe ich sowohl zuhause als auch verstärkt während meiner Reisen eine Sache bemerkt: Wir geben Menschen Label. Solche wie: Reich geerbt, egozentrischer Businessmensch oder hoffnungsloser Künstler. Bumm, und schon ist es drauf. Und dann klebt es an den Menschen wie der stärkste Leim.

Was wir dabei oft vergessen? Dass jeder Mensch eine ganz eigene Geschichte hat, von der wir meist gar nichts wissen. Dass er vielleicht ganz viel Potential hat, das er bisher einfach noch nicht nutzen konnte. Oder auch, dass er in Wahrheit gar nicht so stark ist, wie er auf den ersten Blick erscheint.

Ein paar Beispiele: Wer in der Modebranche arbeitet, kann genauso gut politisch stark engagiert sein und die Welt verändern wollen. Wer in Wacken wie wild seine Haare durch die Luft schleudert und durch den Schlamm springt, kann am nächsten Tag in einem Armani-Anzug ganz gebannt einer italienischen Oper lauschen. Mir ist klar, dass ich hier nur ein paar plumpe Klischees nenne – doch darum geht es mir auch.

Ich habe verstanden, dass wir uns nicht einordnen oder abstempeln lassen müssen. Wer jetzt in laute Proteste ausbricht und behauptet, dass das ja niemand wollen kann, vergisst eine Sache: Ein fester Weg, eine geplante Karriere, ein lückenloser Lebenslauf und ein eigens erschaffenes Bild seiner Selbst machen nämlich vieles leichter. Schützen vor Fehlern, verletzenden Worten und Verlusten. Warum sonst lassen sich viele Menschen Halt geben durch religiöse oder politische Gemeinschaften, organisierte Glaubenssätze oder auch einfach nur durch einen angesehen Studiengang? Das ist schließlich vollkommen human, bedingt durch den menschlichen Drang nach sozialer Gemeinschaft und Zusammengehörigkeit.

Mal ganz abgesehen davon, dass ich bei manchen Dingen (das Penthouse und den Armani-Anzug betreffend) wahrscheinlich gar nicht die Möglichkeit einer Entscheidung haben werde, geht es mir doch viel mehr um das Prinzip.
Darum, dass wir andere Menschen oft viel zu schnell und ohne es zu merken in Schubladen stecken. Und – was eigentlich noch viel schlimmer ist – uns selbst auch.
Wir wollen jemand sein, versuchen uns kennenzulernen, uns selbst zu finden. Denken, dass irgendwo in uns das zu entdecken ist, was wir wirklich sind. Dass uns unser Weg zu dem macht, was wir sind. Dass wir für etwas gemacht sind, unsere Berufung gefunden haben oder für etwas geboren wurden.

Hören wir doch auf, uns zu sagen, wir sind nicht mutig genug, um etwas zu wagen. Überlassen wir Dinge nicht anderen, weil wir denken, dass sie dafür gemacht sind und wir nicht. Unterdrücken wir keine Leidenschaften, nur weil wir denken, dass andere besser darin sind.

Wenn du gerne zeichnest, tu es. Egal ob du der Schlechteste aus deinem Kunstkurs warst. Wenn du Sport machen willst, tu es. Auch wenn du immer als Erste aus der Puste kommst und die Gesichter der anderen nie so rot sind wie deines. Wenn du die knallbunte, ausgefallene Bluse tragen willst, tu es. Auch, wenn du vielleicht nicht schon bei zwanzig Leuten auf Instagram abschauen konntest, wie du sie am besten kombinierst und auf dein eigenes Stilgefühl vertrauen musst.

Es gibt so viele Situationen, in denen du einfach mal rausspringen kannst aus deiner Comfortzone und dich ausprobieren kannst. Nicht immer einfach, bestimmt manchmal schmerzhaft und oft auch nicht erfolgreich.
Aber bestimmt besser, als sich für eine Seite zu entscheiden, sich festzufahren und am Ende festzustellen, dass es so viel gab, das man niemals ausprobiert hat.
Also: Lasst’ uns gemeinsam mal die Grenzen in unseren Köpfen einreißen und sehen, was passiert. Wer ist dabei?

3 Comments

  1. laura says:

    hier, ich bin dabei! alles was du da ansprichst, ist einfach so verdammt wahr!

  2. Jean says:

    Liebe Anna,
    Deine Erkenntnisse sind traumhaft, schön, dass du so gut über dieses Thema reflektieren kannst! Du sprichst mir absolut aus der Seele. Ich lese deine Beiträge richtig gern!!!
    Außerdem kann ich dir nur zustimmen. Z.B. ich habe mein Studium abgebrochen/gewechselt und werde oft gefragt, ob es sich denn dann überhaupt gelohnt hat (ja!). Sich außerhalb ausgetretener Pfade zu bewegen, kann ich nur empfehlen.
    Liebe Grüße, Jean
    http://jean-abovetheclouds.com

  3. Tabea says:

    Ich bin auch dabei! Denn meine eigenen Grenzen zu überschreiten, macht mich einfach am Ende jedes Mal glücklich :) Danke für diesen tollen Text!
    Liebe Grüße

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