Bin ich eine Feministin?

Posted on

Bist du eine Feministin? Eine Frage, die bei mir zunächst tatsächlich ein seltsames Gefühl auslöste, im zweiten Moment plötzlich viel zu komplex erschien und nach längerem Nachdenken für mich gar nicht mehr so leicht zu beantworten war. Eine Feministin zu sein, das erscheint als Frau logisch, eine Tatsache – und gleichzeitig auch nicht. Ich versuche zu erklären, was ich damit meine.

Ich bin gegen Sternchen in Texten, die das *Innen in denkbar ungünstigsten Lagen anschließen. Ich will meine Texte so nicht schreiben, weil sie damit verschachtelt und schräg und schwer zu lesen werden. Nicht, weil ich Menschen damit diskriminieren möchte, sondern um meine Texte ausdrucksvoller wirken zu lassen. Vor allem auch, weil es für mich eine Selbstverständlichkeit darstellt, dass ich mit meinen Worten nicht nur die männliche Bevölkerung anspreche, sondern alle Geschlechter. Hat das bisher an meinen Texten niemand kritisiert, weil ich selbst eine Frau bin? Wäre die Akzeptanz bei einem männlichen Autor geringer? Und wieso muss ich mir diese Fragen überhaupt stellen?

Mein zweites Beispiel, das Thema Frauenquote. Das Ganze löst in mir einen Zwiespalt an Gedanken aus: Schließlich möchte ich einen Job, weil er mir zusteht, ich ihn verdient habe und weil ich die Beste bin, die ihn machen kann. Nicht, weil ich die “Quotenfrau” bin. Aber was, wenn ich ihn ansonsten vielleicht gar nicht bekommen würde? Weil man mir sonst den männlichen Bewerber vorziehen würde?

Das Schwierige an all dem ist: Es passt nicht in meine Vorstellung, in mein Weltbild und die Art, wie ich mein Leben lebe, dass ich mich selbst als Frau als benachteiligt ansehe. Wenn ich etwas nicht bekomme, nicht erreiche, frage ich mich nie: Ist es, weil ich eine Frau bin? Sondern ich frage mich, ob mein Können nicht ausgereicht hat, ob ich zu wenig geleistet habe, ob ich einfach nicht gut genug bin.

Die traurige Wahrheit erkenne ich allerdings, wenn ich mich wirklich damit auseinandersetze, wie stark Frauen faktisch noch heute benachteiligt werden. Dass diese Benachteiligung wissenschaftlich erwiesen und so stark in unserer Gesellschaft verankert ist. Wer sich umsieht, die Fakten betrachtet, die Höchstverdiener dieses Landes vergleicht, wird schnell realisieren, wie falsch immer noch vieles läuft.

Es gibt Länder, die das Thema Gleichberechtigung im Übrigen deutlich besser bewältigen als Deutschland. Im weltweiten Ländervergleich, dem “Gender Gap Report” (2016), landet die Bundesrepublik auf Platz 13 – und damit beispielsweise hinter dem ostafrikanischen Ruanda, Nicaragua oder den Phillipinen. Führend sind die skandinavischen Staaten und Island. Die Ungleichheit in Deutschland liegt dabei nicht in unserem Bildungssystem, sondern vor allem auf dem Arbeitsmarkt. Wenn es also um Gehälter und Führungspositionen geht, ist der Balken der Ungleichheit bei uns unerträglich groß. Und auch in politischen Positionen, der Besetzung von hohen staatlichen Ämtern und Aufgaben, sind die Zahlen erschreckend.

Warum ich mich also bei der Frage, ob ich eine Feministin wäre, so schwer festlegen kann, hat das diesen “einfachen” Hintergrund. Ich möchte nicht in einer Welt leben, in der Frauen anders behandelt, anders bezahlt, anders als anhand ihrer Fähigkeiten beurteilt werden. Ich möchte glauben, dass mein Umfeld genauso denkt wie ich. Dass Sätze nicht nur leere Worthülsen sind, sondern dass sie diese Überzeugung wirklich teilen. Dass ich meine Träume leben, meinen Weg gehen und Erfolg haben kann, ohne diesen in Hinblick auf mein Geschlecht in Frage zu stellen.

Die Augen zu schließen vor dem, was in unserer Gesellschaft aber immer noch Fakt ist, ist allerdings offensichtlich naiv. Also bleibt mir gar nichts anderes übrig als zu sagen: Ich muss eine Feministin sein. Denn nichts anderes ist für mich mit der Welt und der Gesellschaft, die ich mir wünsche, vereinbar. Ein Spruch wie “the future is female” wird mir dabei jedoch mit Sicherheit nicht über die Lippen kommen, ich werde niemals Printshirt mit einer Aufschrift wie dieser tragen – weil ich deren Aussage nicht verstehen kann und verstehen will. Wieso soll die Zukunft den Frauen gehören? Warum nicht einfach uns allen?

Ich möchte einzig und allein, dass Zukunft Gleichheit bedeutet. Fairness. Gegenseitige Anerkennung. Dass wir an einem gemeinsamen Punkt starten und zwar mit den gleichen Chancen. Wir sind die Generation, die das richtig machen kann: Im Job, im Alltag, im Freundeskreis. In kleinen Gesten, in unserem Denken, unserer Einstellung und gegenseitigem Respekt. Wenn wir wissen, wer wir sind und wie wir sein wollen, dann können wir gemeinsam viel Ungleichheit ausgleichen. Für alle Geschlechter.

Wie steht ihr dazu? Könnt ihr nachvollziehen, dass ich mir diese Frage überhaupt gestellt habe? Ich freue mich auf Feedback und Kritik in den Kommentaren.

8 Comments

  1. Julia says:

    Hallo liebe Anna
    Du schreibst im ersten Abschnitt, dass du “*Innen” nicht schreiben möchtest und sagst, es sei mühsam zu lesen. Gleichzeitig schreibst du im letzten Abschnitt, dass wir mit unserer Einstellung und unserem Denken Gleichheit und Fairness erreichen können. Nun meine Frage: Glaubst du nicht, dass du, indem du den weiblichen Teil der Gesellschaft nicht ansprichst unser Denken beeinflusst? Viel zu oft wird von “Ärzten”, “Wissenschaftlern” und Ähnlichem gesprochen: Kinder lesen dies und stellen sich (unbewusst) sofort Männer hinter diesen Beschreibungen vor.
    Ich hoffe, du verstehst was ich damit sagen will und ich hoffe, dir damit nicht zu nahe getreten zu sein.
    Greetings, Julia

    1. ANNA says:

      Hi Julia,
      erstmal danke für deinen Kommentar und deine Kritik :)
      Ich verstehe, was du sagen möchtest und auch, dass es natürlich ein riesiges Problem ist, wenn bestimmte Berufe sofort mit Männern identifiziert werden. Ich persönlich habe nur nie das Gefühl, wenn ich in einem Texte von “Ärzten” oder “Wissenschaftlern” spreche, dabei nur Männer einzuschließen – für mich ist das vielmehr eine Berufsbezeichnung als eine Zuordnung des Geschlechts.
      Ich hatte mir allerdings überlegt, in meine Sidebar oder im Footer eine Notiz hinzuzufügen, dass unter allgemeinen Bezeichnungen sowohl männliche als auch weibliche Personen eingeschlossen sind. Ob das etwas bringt, weiß ich nicht, aber es schafft auf jeden Fall ein Bewusstsein.
      Ich hoffe, ich konnte meinen Standpunkt erklären. Ganz liebe Grüße an dich!

  2. Lena says:

    Hallo Anna,
    ich bin vor ca. 10 min auf deinen Blog gestoßen, durch die Erwähnung in @amoureuxee’s Instagram Story. Dann habe ich mich hier ein bisschen umgesehen und deine letzten beiden Blogposts durchgelesen. Der Text näherte sich dem Ende und der Kommentarfunktion, und ich war mir zu fast 100% sicher, dass ein Text den ich so interessant und nachvollziehbar finde schon jede Menge Kommentare hat, die ich mir dann durchgelesen hätte und genickt hätte, und dann mit einem Seufzer wäre ich zu Instagram zurückgekehrt und hätte gedacht “da kann ich nichts mehr hinzufügen, all diese Menschen reden mir aus der Seele aber ich kann es niemals so gut wie sie ausdrücken”. Doch das war nicht der Fall und so bekam ich doch die Gelegenheit dir wenigstens ein Lob dazulassen, denn ich habe mich selbst am Bloggen versucht (lange nicht so anspruchsvolle Texte wie du sie verfasst) und habe schnell gemerkt, dass die Kommentarfunktion dieses Etwas ist, das zum Bloggen mehr oder weniger dazugehört. Ich bin jünger als du und wenn das Wort Feminismus viel hat mein Kopf sich ca. 3 Sekunden gefragt: Hm, was ist das? Solltest du eigentlich als Frau mal drüber nachdenken! Und dann war es aber auch schon wieder weg. Deshalb bin ich dir sehr dankbar für diesen Post, diesen Text, der mich endlich dazu gezwungen hat, dass ich mich mit diesem Thema auseinandersetze. Gerade die Stelle an der du beschreibst, dass du niemals ein T-Shirt mit besagtem Aufdruck tragen würdest und warum nicht – wie gut konnte ich mich damit identifizieren. Danke, dass du diese Gedanken mit mir geteilt hast!
    Liebe Grüße, Lena

    1. ANNA says:

      Hallo liebe Lena,
      wow – danke dir für diesen langen und so lieben Kommentar! Ich finde übrigens, du konntest dich sehr gut ausdrücken ;)
      Es freut mich sehr, dass ich dich mit meinem Text erreichen konnte! Ganz liebe Grüße an dich <3

  3. Lukas says:

    Hey! Soweit ich verstanden habe, bist eigentlich ausschließlich wegen dem Gender Pay Gaps Feministin. Bevor ich dir hier ellenlang erkläre, wie diese Studie nur allzuoft fehlinterpretiert wird, verlinke ich dir hier mal ein Video vom Doktorant, in dem das Argument sachlich und wissenschaftlich entkräftet wird:

    (Teil 1) https://youtu.be/maN0SWhnk8Q
    (Teil 2) https://youtu.be/OioEkFDjr0E

  4. ANNA says:

    Hi Lukas,
    danke für deinen Beitrag zur Diskussion und den Link zu den beiden Videos!
    Ich finde es super, dass der Macher der Videos die Quellen der Autoren überprüft und wissenschaftlich aufarbeitet. Trotz allem bleiben es für mich Medientexte, die eine gewisse Meinung vertreten (dürfen) – ob es dabei hilft, jedes einzelne Wort aufzuwiegen und den Autoren teilweise im Munde umzudrehen, bezweifle ich.
    Um wie viel Prozent die Gender Pay Gap nun wirklich existiert, ist natürlich wichtig, um politische Entscheidungen zu treffen. Dass sie aber grundsätzlich existiert, empfinde ich allein schon als einen sehr wichtiger Punkt. Ich habe mich in meinem Text auf den “Global Gender Pay Report” bezogen und war dementsprechend erstaunt, wie weit hinten Deutschland im Vergleich liegt.
    Feminismus bedeutet für mich, für Gleichheit zu sein – für beide Geschlechter. Und das werde ich auch dann noch sein, wenn die Gender Gap (hoffentlich) gar nicht mehr existiert… ;)

  5. Anna says:

    Ganz einfach, ja du bist Feministin. Du kannst das Wort absolut freimütig verwenden. Es beschreibt genau das, was du möchtest. :) Du musst dich dafür nicht zu 100% mit allem und jenem identifizieren. Du bist auch so eine Feministin ;)

    Liebe Grüße!

  6. Jana says:

    Liebe Anna! Als Neuentdeckerin deines Blogs bin ich gleich mal auf diesen Artikel gestoßen. Ich kann deinen Gedankengang nachvollziehen: Ich würde lieber keine Feministin sein und die Welt wäre dafür gerecht, wie als dass es so abläuft wie grade. Der “Gender Pay Gap” ist wirklich eine heikle Sache, wie oft hatte ich schon hitzige Diskussionen (hauptsächlich mit Männern) darüber, ob dieser wirklich in dem Ausmaß existiert. Aber wie du schon sagtest: alleine seine Existenz ist schon erschreckend, besonders in einem, eigentlich so fortgeschrittenen, Land wie Deutschland.
    Ich bin zum gleichen Schluss gekommen wie du: Ich muss Feministin sein. Und nicht nur ich, eigentlich jeder auf dieser Welt, denn es geht einfach nur um Gleichberechtigung. Wie oft wird Feminismus falsch interpretiert und wie oft muss ich gegen vehemente Vorurteile ankämpfen wenn ich sage dass ich Feministin bin. Ich würde mir wünschen, dass sich einfach mehr Menschen damit auseinandersetzen würden, denn es ist so ein wichtiges Thema! Dazu, wie Feminismus oft falsch verstanden wird, habe ich vor Kurzem auch einen Artikel auf meinem Blog geschrieben, vielleicht möchtest du ihn dir ja mal ansehen.
    Alles Liebe, Jana

Leave a comment

Your email address will not be published.