Wir, die “Merkel-Generation”: Zeigen wir jetzt, was wir können!

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Paulina Unfried schrieb vor kurzem für das Zeit-Magazin: “Wir sind 18, uns geht’s gut, wir chillen. Wir haben schon Weltverbesserungssehnsucht. Aber wir sind eben auch die Merkel-Generation. Und Merkel verspricht uns, dass wir weiterhin chillen können.”

Ich, als 1997er-Kind, als jemand, der wirklich bewusst nur Deutschland unter Merkel erlebt hat, der von Schröder nur noch ein vages, verschwommenes Fernsehbild vor Augen hat, frage ich mich tatsächlich: Wie wäre eigentlich ein Deutschland ohne Merkel? Oft genug wurde sie scherzhaft “Mutti” der Deutschen genannt. Ist sie für unsere Generation genau das? Wenn die wohlbekannte Raute geformt wird, die sagen soll: Alles wird gut. Wenn es stressig wird, sagt sie: “Wir schaffen das”, und wir können uns wieder zurücklehnen. Chillen.

Es ist schon seltsam, wie wir irgendwie gefangen sind in in diesem Strudel aus junger Revolution, aus dem Aufbegehren gegen Konservatismus, alte Regeln, verstaubte Politik – und gleichzeitig dem Wunsch nach angenehmer Ruhe in dieser Welt, in der wir alle viel zu sehr mit uns selbst beschäftigt sind. Weil schon wir allein viel zu viel sind, dass wir uns selbst finden, selbst verwirklichen, unseren Platz finden ohne in der unendlichen Weite unterzugehen. Die Weltpolitik kann Angst machen, unberechenbare Akteure und große Konfliktherde rücken laufend in die tägliche Berichterstattung. Und da ist es doch schön, wenn alles gut weiterläuft, so wie es ist. Uns geht’s gut, wir können chillen. Oder?

Dass scheinbar viele Jungwähler der Merkel-Generation auch in diesem Jahr CDU wählen möchte, in dem sie das erste Mal die Möglichkeit dazu haben, kann also wirklich kein Vorwurf sein. Denn vielleicht haben wir einfach das Gefühl, uns geht es gut. Schließlich sind wir sind in einem sicheren Land aufgewachsen, während um uns herum so einiges schief geht.

Ich finde, der Denkfehler liegt aber an einer ganz anderen Stelle: Medien und Politik machen Merkel zur Symbolfigur der Stabilität, einem “Weiter so”. Doch ganz offensichtlich kann das Deutschland der letzten Jahre nicht einfach so auf Merkel reduziert werden, unsere Generation macht so viel mehr aus als das einfach Rauten-Symbol. Lassen wir uns nicht einreden, dass wir die Generation sind, die einfach dieser Raute hinterherläuft, die am liebsten nur chillen würde, Youtube-Videos ansieht und keine Ahnung vom Weltgeschehen hat. Wir sind eine äußerst gut ausgebildete Generation, die in eine komplexe Welt geboren wurde. Wir nutzen viele Möglichkeiten, wir sind vielseitig, vielschichtig, schwer einzuordnen. Das macht uns viel unberechenbarer und viel wichtiger, als es uns vielleicht vorkommt.

Also: Lasst uns danach entscheiden, welche Themen wir uns wünschen, welche Standpunkte wir in der Politik vertreten haben wollen. Es geht nicht um eine Person, auch nicht um zwei, die da oben an der Spitze stehen – es geht vor allem immer noch um Inhalte, die in den Wahlprogrammen und in den Aussagen der Politiker zu finden sind. Wir leben in einer Demokratie, was auch bedeutet, dass nicht einfach das gemacht wird, was eine einzelne Person sagt. Auch wenn sie an der Spitze des Systems steht. Wir wählen unsere Vertreter, für unsere Themen. Und wenn wir unsere neuen, starken, jungen Meinungen durchsetzen, können wir bestimmen, wohin unsere Gesellschaft geht.

Wenn ihr den Themen von CDU und CSU zustimmen könnt, wählt CDU/CSU. Wenn nicht, wählt die Partei, bei der ihr es könnt. Auch wenn es manchmal so beschrieben wird: Das hier ist nicht einfach ein Rennen zwischen Merkel und Schulz. Vor allem ist es keines zwischen unserem alten Leben als Merkel-Generation und einem neuen politischen Umbruch. Das ist einfach eine Wahl, bei der wir darüber bestimmen können, welche Themen unsere Zukunft beeinflussen sollen und wie wir unser Land in den nächsten Jahren gestalten wollen.

Lassen wir uns nicht vorwerfen, wir würden einfach nur chillen wollen. Wenn Chillen Frieden und persönliche Freiheit bedeutet, ist das schließlich keine schlechte Idee, oder? Aber entscheidet bewusst, was ihr wollt und zeigt es damit den Generationen über uns, die uns das nicht zutrauen! Egal, wo ihr euer Kreuz macht: Nutzt diese Möglichkeit, um unsere Zukunft zu gestalten.

5 Comments

  1. Jana says:

    Bin gerade durch Facebook auf deinen Blog gestoßen und muss mich hier erst einmal weiter umgucken, viele deiner Artikel klingen sehr spannend!

    Ich glaube leider, dass viele wählen mit wetten verwechseln. Oft höre ich den Satz “Ich wähle Merkel, weil die ja eh gewinnt”. Aber darum geht es bei der Wahl ja nicht. Wenn mehr Leute sich mit den Programmen auseinandersetzen würden und wirklich wählen, was ihnen wichtig ist, würde Merkel wahrscheinlich nicht wieder gewählt werden.

    1. ANNA says:

      Hi liebe Jana, danke – darüber freue ich mich natürlich :)
      Die Einstellung, die gesamte Wahl als entschieden anzusehen, ist definitiv die falsche, da gebe ich dir Recht. Ob Merkel dann trotzdem gewählt werden würde oder nicht, kann ich nicht sagen und würde mich da auch an keine Spekulationen wagen wollen – es gibt schließlich viele Punkte im CDU/CSU-Programm, die sehr viele Wählergruppen ansprechen.
      Danke für deinen Kommentar und ganz liebe Grüße :)

  2. Tabea says:

    Ach Anna, ich lass dir viel zu selten Kommentare da. Wie so oft sprichst du mir aus der Seele. Ich hab den Artikel jetzt eben zum zweiten mal gelesen, das erste mal in der Bahn auf dem Weg zur Uni. Jetzt in aller Ruhe, an einem Abend in dem die WG ausgestorben ist, ich meine Musik von der Küche aus durch die ganze Wohnung schallen lassen kann. An dem ich Inspiration suche, wie mein verkümmerter Blog denn in Zukunft mal wieder etwas Leben bekommen soll. Der Wahlabend an dem Merkel das erstmal Kanzlerin wurde? Der zweite an dem ich mich in meinem Leben erinnern kann. Der erste an dem ich nicht mehr auf der Schulter sitzend mit in die Stimmkabine durfte, ich konnte in zwischen lesen. Meine Aussage damals, “Ich hätte die Frau gewählt.” Meine Begründung war dann zwar noch etwas löcherig “Das ist eine Frau. Die sieht nett aus.” Aber danach hab ich dann eben wie die meisten Erstwähler nur noch Merkel und die Union an der Spitze erlebt, dazu dann eben wechselnde Koalitionspartner. Und mit dem Jahren wuchs nicht nur ich sondern auch mein Verständnis für Politik und dafür wie sie funktioniert. Das nicht jeder die gleiche Meinung hat. Das Themen die mir zwar absolut egal sind für andere Weltbewegend sind. Das Demokratie nur funktioniert wenn alle mitmachen. Das tatsächlich jede Stimme die sein kann, die den Unterschied macht. Und es wuchs die Vorfreude. Auf das erste mal Kreuzchen machen bei einer Bundestagswahl. Und nun ist es bald endlich soweit und ich habe fast so etwas wie Angst. Statt den Tag vor der ARD Berichterstattung zu verbringen werde ich 2 Stunden im Zug Richtung Heimat fahren weil dort mein Wahlkreis ist. Ich werde anschließend 3 Stunden zurückfahren. Und irgendwie ist da noch immer ganz viel Unsicherheit. Was wenn ich meine Stimme für die falsche Partei, die falsche Person abgebe. Ist es wichtiger das ich mit der Partei im allgemeinen übereinstimme oder das ich mit der Person die dann für ich Mitglied des Bundestages wird einer Meinung bin? Stimmt das was der Wahl – O – Mat sagt? Müsste ich mich mehr informieren? Kann ich mich besser informieren? Ich vermute fast das ich nicht alleine bin mit all den Fragen. Aber ich befürchte fast das mindestens genauso viele Menschen am 25. September davon überrascht sind das gewählt wurde. Und das genauso viele Menschen am 24. garnicht erst zum Wahllokal gehen werden. Oder vorher per Post wählen. Weil sie keine Lust haben. Weil sie eh alles doof finden das zur Wahl steht. Weil sie nicht dürfen. Ich könnte noch Stunden so weiter schreiben aber irgendwie gehört es eigentlich kaum noch unter deinen Post. Liebste Grüße, Tabea

    1. ANNA says:

      Liebe Tabea, ganz lieben Dank für diesen wunderbaren Kommentar, der selbst ein eigener Blogpost sein könnte! Ich freue mich so unglaublich über Kommentare wie diese, weil ich dabei merke, dass sie meine Leser zum Nachdenken anregen und irgendetwas in ihnen bewegen – und das ist sehr schön <3
      Allein dass du dir so viele Gedanken über das Thema machst und dir deiner Verantwortung so bewusst bist, ist meiner Meinung nach schon ein sehr gutes Zeichen dafür, dass du dich auch richtig entscheiden wirst und deine Stimme gut nutzt :)
      Ganz liebe Grüße an dich und vielen Dank fürs Lesen und Kommentieren!
      Anna

  3. Mein Jahr 2017 in 365 Worten (und vielen Bildern) | ANNA-E says:

    […] Zum Weiterlesen: “Personal: Aufgeben?” | “Wir, die Merkel-Generation” […]

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