Zwei Jahre später: Berufsorientierung? Danke für nichts!

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Vor kurzem fiel mir dieser prall gefüllte, dunkle Container unter meinem Schreibtisch auf, aus dem von allen Seiten einzelne Papiere oder gesamte Blöcke ragten. Der Container, den ich seit zwei Jahren, also dem Zeitpunkt, als ich endlich das lang ersehnte Abiturzeugnis überreicht bekam, nicht mehr angefasst hatte. Manchmal hatte ich überlegt, ihn einfach insgesamt in eine Mülltüte stecken – es aber doch nie getan. Vielleicht, weil ich viele meiner Sachen bereits direkt nach der letzten Abiturprüfung feierlich verbrannt hatte. Das hieß für mich symbolisch: Tschüss an all die Formeln und Phrasen, die ich hoffte, nie wieder hören zu müssen! So vergaß ich den Container für einige Zeit.

Dann ging ich erstmal auf Reisen, fuhr mit dem Zug durch Europa, arbeitete, ging wieder auf Reisen und fing dann mein Studium an. Ein Schritt führte zum anderen, bis zu dem Punkt, an dem ich heute, gerade in diesem Moment bin. Der Container blieb unter meinem Schreibtisch.

Und so saß ich nun vor dem, meinem Empfinden nach riesigem, Container und begann mit der wirklich längst nötigen Aussortiererei. Ich riss die ersten Seiten raus, warf gesamte Blöcke, Hefte und sogar Bücher großzügig in den großen, schwarzen Müllsack. Und dabei fiel sie mir in die Hände: Die Mappe, die wir im Laufe der Oberstufe anlegen mussten, um uns zu überlegen, was wir nach der Schule mit unserem Leben anfangen wollten. Auf die wir sogar eine Note bekamen, je nach Aufwand, Fleiß – und Ergebnis? Unzählige Flyer von Studiengängen, Angebote von Ausbildungen über duale Studiengänge bis hin zu den Werbebroschüren der seltsamsten Privatuniversitäten. In meine Mappe hatte ich so viel gesteckt, dass die einzelnen Blätter schnell meinen gesamten Fußboden bedeckten. Irgendwie fand ich alles interessant, verschiedene Fächer, unterschiedliche Städte, so vieles sprach mich an. Würde ich mal hier leben? Das studieren? Oder dort arbeiten?

Als nächstes fielen aus der Mappe die vielen Bögen sämtlicher Persönlichkeits- und Interessenstest: Unzählige hatten wir gemacht, alle hatten etwas anderes gesagt. Aber alle wollten zeigen, wie dieser eine Weg aussehen soll, der mein gesamtes Leben bestimmen und den ich nun mit 18 auswählen sollte.

Ich sollte mich jetzt festlegen, was ich den Rest meines Lebens machen wollte. Diese Entscheidung war eindeutig viel zu groß, viel zu folgenreich, um sie in einer Mappe abzuarbeiten.

Die Hauptaussage war klar: Entscheid dich jetzt. Die Gespräche von unzähligen Experten, die uns erklärten, wie wir den perfekten Lebenslauf schreiben würden, welche Bilder wir dafür verwenden sollten, welche Aktivitäten wir angeben sollten, welche Hobbys bei Personalern gut ankommen würden, dass wir bei Bewerbungsgesprächen stets eine halbe Stunde früher da sein sollten. Und natürlich: Jetzt sofort bewerben, so früh wie möglich. Am besten natürlich bei der Firma der Experten. Bei einer Bank, einem riesigen Unternehmen oder sonst wo. Die Lücken im Lebenslauf vermeiden. Und wenn nicht so, dann unbedingt Bachelor, Master und das in Rekordzeit. Das Schlimmste war nur: Zeit verlieren. Nicht zu wissen, was man will.

Als ich nun diesen Stapel mit Flyern, einzelnen Notizseiten, Protokollen und Persönlichkeitstest in den Händen halte, werde ich wütend. Auf Menschen, die mir ja eigentlich nur Gutes tun wollten, mir einen Weg zeigen und mir Orientierung schenken. Aber was genau hatte mir dieses Sammeln, Anlegen von Mappen und Halten von Referaten gebracht? Außer noch mehr Stress, noch mehr Druck in der Abiturvorbereitung. Je näher das Ende kam, je mehr ich mich auf meine neu gewonnene Freiheit zu freuen begann, desto öfter kamen die Fragen: Und was machst du danach? Hast du dich schon beworben? Langsam wird die Zeit ja echt knapp…

Ich versuchte zu antworten, stammelte etwas von Journalismus oder Jura. Bis es mir irgendwann reichte. Irgendwann sagte ich auf all die Fragen nur noch: Ich mach ein Jahr Pause. Weil ich keine Lust mehr hatte, mir von allen Seiten sagen zu lassen, wann ich mich wo zu bewerben hatte, in wie viel Jahren ich meinen Bachelor, meinen Master und was weiß ich noch alles schaffen müsste. Weil ich erstmal eine Pause brauchte, um zu verstehen, was ich wollte und wie die Welt außerhalb der Schule wirklich aussah. Wie Lehrer und Berater sie mir zeichneten, schien sie nämlich gar nicht so anders als die Schule, ja fast noch schlimmer: Immer einen Schritt weiter, am besten sogar drei auf einmal,  in einem bestimmt abgesteckten Bereich, dem perfekten Lebenslauf folgend. Klar, es gäbe unendliche Möglichkeiten, aber ich müsste mich entscheiden. Jetzt festlegen, was ich den Rest meines Lebens machen wollte. Diese Entscheidung war eindeutig viel zu groß, viel zu folgenreich, um sie in einer Mappe abzuarbeiten.

Ich merkte, dass sich durch jeden einzelnen Schritt neue Türen öffneten, mit denen ich anfangs gar nicht gerechnet hatte. Neue Wege, die ich gehen konnte.

In diesem Pause-Jahr arbeitete ich, zahlte Steuern statt Kindergeld zu kassieren, ging von morgens bis abends an einen Arbeitsplatz, an dem ich tolle Leute kennenlernen durfte, kündigte dann und reiste für einige Monate ans andere Ende der Welt. Lebte dort mit den immer gleichen Klamotten, auf engen Raum, in einem Camper und fuhr einfach immer weiter. Dann ein weiterer Job, mehr Menschen, die ich kennenlernen durfte und die mir von ihren Lebenswegen erzählten. Und ich merkte: Alle waren so unterschiedlich, alle hatten anders angefangen und waren doch zu einem ähnlichen Ausgang gekommen. Ich merkte auch, dass sich durch jeden einzelnen Schritt neue Türen öffneten, mit denen ich anfangs gar nicht gerechnet hatte. Neue Wege, die ich gehen konnte. Und vor allem merkte ich, dass der Druck nie darauf lag, was ich tat, sondern was ich daraus machen würde. So banal es auch klang: Am wichtigsten schien meine Motivation und Freude an der Arbeit zu sein.

Ich überlegte genauer, was ich studieren wollte, was mich interessierte, schrieb mich ein, warf nochmal alles um und blieb letztendlich bei Politik. Ich fing einfach an, bastelte mir meinen Alltag so zusammen, wie ich ihn gerne hätte. Suchte mir Abwechslung, Ideen und Zeit für all das, was ich so gerne machte. Ich hatte gelernt, dass der Weg richtig war, der sich richtig anfühlte. Der vielleicht nicht alle Erwartungen erfüllt, aber die eigenen. Ich nahm die Endgültigkeit aus der Entscheidung, indem ich mich dazu entschloss, das zu tun, was mir in diesem Moment richtig erschien. Denn wenn es in zehn Jahren anders sein wird, muss ich das dann ändern – wer kann schon wissen, wie die Zukunft aussehen wird?

Ich hatte gelernt, dass der Weg richtig war, der sich richtig anfühlte

Ich sage damit nicht, dass ein “perfekter” Lebenslauf, der aus all den Broschüren, falsch ist – ganz und gar nicht! Doch es gibt für unterschiedliche Menschen ganz unterschiedliche Wege. Die einen fühlen sich viel wohler, wenn sie diesem Weg folgen können, andere nehmen ihre Motivation und ihren Antrieb aus der Abwechslung und der Freiheit, täglich neu entscheiden zu können. Ich wünschte nur, es würde dieser falsche Druck von all jenen genommen werden, die kurz vor dem Sprung in ihre Zukunft stehen und sie nicht ständig nur an konformen Leistungsstandards gemessen werden. Dass öfter mal jemand sagt: Diese Entscheidung prägt dein Leben, aber sie bestimmt es nicht.

Schließlich leben wir ein Leben – und keinen Lebenslauf.

Es gibt so viele Wege, erfolgreich zu sein. Und es gibt so viele Arten, Erfolg zu messen. Wer etwas schaffen möchte, wer sich für Dinge interessiert, sich ausprobiert – der findet seinen Weg. Und – das ist meine Meinung – Pausen, Auslandsaufenthalte oder auch einfache Minijobs bringen uns dabei so viel weiter als das Folgen irgendwelcher Jobratgeber oder Broschüren. Schließlich leben wir ein Leben – und keinen Lebenslauf. Einen Job zu finden, der so viel Spaß macht, dass man gerne viel Zeit investiert und sich voll und ganz reinhängt, ist ein Ziel, dass man nur erreicht, wenn man auf sich selbst hört und sich ausprobiert.

Der riesige Stapel wanderte übrigens in hohem Bogen in den schwarzen Müllsack. Habt ihr vielleicht auch einen solchen Stapel in Papierform oder als Druck auf euren Schultern, den ihr wegschmeißen wollt? Wenn ja: Traut euch!

4 Comments

  1. Fenia Salm says:

    Danke liebe Anna!

    Ich habe deinen Blog gerade eben erst entdeckt und bin von deiner Ehrlichkeit und deinem Schreibstil ein klein bisschen überwältigt.
    Mein Jahr nach dem Abi habe ich mit einem solzialen Jahr an mir vorbeiziehen lassen und wäre fast in eine Ausbildung gerutscht, welche mich totunglücklich gemacht hätte!
    Nur stehe ich jettz wieder an einem Punkt, an dem ich nicht weiß wie ich weiter machen soll und von der Gesellschaft wird man blöd angeschaut oder bekommt hundert Tipps, welche mich nicht weiterbringen. Solangsam finde ich meine Richtung bzw. Ein Weg der sich gut anfühlt!
    Dein Text hat mir Mut gemacht!
    Vielen Dank!
    Alles Liebe Anna

    1. ANNA says:

      Hi liebe Fenia,
      vielen lieben Dank für deinen Kommentar, ich habe mich wirklich sehr über deine Worte gefreut! Es ist so schön, dass ich dir mit meinem Text Mut machen konnte.
      Ganz liebe Grüße und viel Glück und Mut mit deinen Entscheidungen :)

  2. Ina says:

    Hallo Anna,

    so wie Fenia, habe auch ich deinen Blog vor wenigen Minuten entdeckt.

    Ich bin schon ein paar Tage älter als du, doch ich stand damals vor genau den selben Problemen, Gedanken und Ängsten. Jeder fragt, sagt und drängt. Aber was man selbst will, dass kann man nie beantworten. Wie auch, wenn man 13 Jahre in der Schule verbracht hat, ohne auf das richtige Leben vorbereitet zu werden.

    Meine Wenigkeit hat die Chance nicht ergriffen, ins Ausland zu gehen und einfach mal ein Jahr Pause zu machen. Es ging für mich direkt ins BWL- Studium, obwohl ich mein ganzes Leben lang wusste, dass Wirtschaft und ein Job im Büro nie etwas für mich sein wird. Was ich allerdings nicht wusste, und das sagt meine Mama mir heute noch, was ich “werden will.”

    Ich habe mein Studium nach einem Jahr abgebrochen, weil es mir nicht gut tat und habe ein Soziales Jahr angefangen. Und jetzt komme ich wieder zu deinem Post. Keine Broschüre, kein Jobberater, keine Tests können dir sagen, was DU aus deinem Leben machen sollst oder wirst. Denn sie kennen den Menschen nicht hinter der Fassade. Nur du alleine kannst es rausfinden, welcher dein Weg ist. Und wenn du dafür viele wackelige Brücken oder steinerne Wege überqueren musst.

    Das Leben zeigt dir, wer du bist und was du sein willst.

    Daher hoffe ich, dass du so weiter machst und einfach dein Leben lebst und genießt, denn das ist genau das Richtige.
    (Aber ich denk, dass weißt du auch selbst. :) )

    P.S.: Ich muss Fenia Recht geben, du hast einen wirklich tollen Schreibstil! Sehr schön zu lesen.

    Liebste Grüße
    Ina

    1. ANNA says:

      Liebe Ina, danke für diesen so schönen Kommentar! Es tut gut, zu lesen, dass es dir ganz genauso geht und dass du sogar aus Erfahrung sprichst. Alles Gute und ganz liebe Grüße an dich <3

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